21. März 2016

PALEO-Diät Einmal roher Saurier, bitte

Die PALEO-Diät soll die Ernährungsgewohnheiten von altsteinzeitlichen Höhlenbewohnern imitieren. Getreide- und Milchprodukte sind tabu. In Onlineforen findet man euphorische Berichte von „Steinzeitjüngern“. Was ist dran am Motto „Bison statt Butterbrot“?

Lebensmittelmärkte, Restaurants, Verlage – alle wollen sie vom Boom profitieren. Der Discounter, der gesteht, „dass er Lebensmittel liebe“, verlautet auf seiner Webseite: „Schon in der Steinzeit schätzte man das Gemüse als sehr nahrhaft.“ Roh statt geröstet ist nun das Motto. Pizza aus Blumenkohl und Kokosmehl statt Weißmehl. Die Steinzeitmenschen betrieben noch keine Agrarwirtschaft und verfügten über andere Gene, die Getreide für sie schlecht verdaulich machten. Deshalb soll bei der PALEO-Diät auf Getreideprodukte verzichtet werden. Heute tragen wir statt einem bis zu zwölf Amylase-Gene in unserem Erbgut und vertragen Brot ganz gut – von Glutenunverträglichkeiten mal abgesehen.

Computer statt Keule

Die Argumente der Steinzeitfans klingen erst mal schlüssig. Der Urmensch hat sich mehr als zwei Millionen Jahre lang mit viel Fleisch ernährt und Obst- und Gemüse roh gegessen. Milch- und Getreideprodukte, Speiseöle und Salz verzehren wir dagegen erst seit etwa 10.000 Jahren. Wie sich die Jäger und Sammler damaliger Zeit ernährt haben, kann man anhand von Werkzeugfunden nur vermuten. Sicherlich standen aber auch Käfer, Aas und vermutlich manchmal der Nachbar auf den Speiseplan. Wir leben und arbeiten nicht mehr wie unsere steinzeitlichen Vorfahren. Die Nahrung musste seinerzeit ganz andere Anforderungen als heute erfüllen. Die Jagd nach einem Tier war lang und kräftezehrend – nicht vergleichbar mit einer Arbeit am PC.

Die Leber liebt PALEO

Eine Studie von Ryberg et al. von der Universität Umeå in Schweden untersuchte den Einfluss einer PALEO-Diät auf die Triglyceridwerte bei postmenopausalen Frauen. Alle Probanden waren gesund, hatten jedoch mit einem durchschnittlichen BMI von 27 Übergewicht. Fünf Wochen ernährten sich die Frauen nach dem Vorbild von Steinzeitmenschen. Zum Frühstück, Mittag- und Abendessen gab es jeweils 30 Anteile Proteine, 40 Anteile Fett mit hauptsächlich mehrfach ungesättigten Fettsäuren sowie 30 Anteile Kohlenhydrate, ergänzt durch Tagesrationen à 40 g Nüsse.

Wem dies nicht reichte, der konnte den Speiseplan nach Belieben ergänzen – durch selbstzubereitete „Steinzeit-Gerichte“ nach vorgegebenen Rezepten. Man sollte annehmen, dass der hohe Fleischkonsum zu einer Verschlechterung zahlreicher Parameter führte. Erstaunlicherweise war das Gegenteil der Fall. Im Schnitt hatten die Frauen 4,6 kg abgenommen. Der BMI war um 4 Prozent gesunken. Die Herzfrequenz hatte sich signifikant von durchschnittlich 74 auf 64 Schläge pro Minute verringert und der Blutdruck war ebenfalls leicht gesunken. Verglichen mit der vorigen Ernährung stieg die Fettaufnahme an, jedoch wurden vorwiegend „gesunde“ Fette verzehrt. Um 122 Prozent erhöht hatte sich vor allem der Anteil der mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Die Aufnahme von gesättigten Fettsäuren war um 57 Prozent, die Kohlenhydratzufuhr um 58 Prozent gesunken.

Die Ernährung hatte weitere positive metabolische Effekte. Der Triglyzeridgehalt der Leber sank um knapp 50 Prozent, die Nüchtern-Insulin– und Glukosespiegel waren niedriger und es wurde eine reduzierten C-Peptid-Sekretion dokumentiert. Vermutlich sind diese Effekte auch auf eine verbesserte Insulinsensitivität zurückzuführen. Der Fettabbau in der Leber ist besonders in der Postmenopause bedeutsam, da die Umverteilung von zentralem Körperfett in die Peripherie einen protektiven Effekt auf die Entwicklung von Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen hat. Obwohl die Frauen keine Begrenzung der Kalorienzufuhr erhielten, nahmen sie durchschnittlich 520 kcal weniger zu sich. Die proteinreiche PALEO-Diät steigert das Sättigungsgefühl sowie die Wärme- und damit Energieproduktion. Da die Diät frei von raffiniertem Zucker ist, nimmt die hepatische Lipogenese und das Risiko für eine nicht-alkoholische Fettleber, besonders durch Fructose, ab. Die Studie kann als Hinweis gewertet werden, dass eine proteinreiche und kohlenhydratarme Diät günstige metabolische Auswirkungen haben kann. Dennoch bleiben zahlreiche Fragen offen. Welche Auswirkungen hat der gesteigerte Fleischkonsum bei einer längerfristigen Diät? Sind die Effekte auch auf Männer und jüngere Frauen übertragbar?

Steinzeitfutter für Diabetiker

Wer die PALEO-Diät so versteht, dass er jeden Tag ein halbes Schwein ohne Toast essen soll, macht sicherlich etwas falsch. Hingegen sind viel Bewegung an frischer Luft, ungesättigte Fettsäuren, viele Nüsse und wenig Kohlenhydrate sicherlich metabolisch sinnvoll. Kann man PALEO nennen, oder einfach nur gesunde Ernährung.

In einer randomisierte Cross-Over-Studie von Bligh et al. [Paywall] wurden gesunden Probanden zu verschiedenen Zeitpunkten drei verschiedene Mahlzeiten verabreicht: Zwei Paleo-Mahlzeiten sowie eine Referenz-Mahlzeit. Über einen Zeitraum von 180 Minuten wurden Plasma-Glukose, Insulin, Glucagon-ähnliches Peptid (GLP-1), glukoseabhängiges insulinotropes Peptid (GIP) sowie Peptid YY (PYY) gemessen. Diese Parameter lassen einen Schluss darauf zu, wie hoch das Risiko ist, Stoffwechselerkrankungen zu entwickeln. Das Sättigungsgefühl der Probanden wurde mittels einer elektronischen visuellen Analogskala (EVAS) ermittelt.

GLP-1 und PYY waren bei beiden PALEO-Gruppen im Vergleich zur Referenzgruppe signifikant erhöht, auch das Sättigungsgefühl war in der PALEO-Gruppe höher. Die GIP-Konzentrationen waren niedrig, was eine Insulinresistenz sowie Fetteinlagerungen verhindert. Die Glukose- sowie Insulinwerte unterschieden sich in den drei Gruppen nicht signifikant. Der Inkretinwert war in der PALEO-Gruppen signifikant erhöht, was unter anderem zum rascheren Sättigungsgefühl beiträgt. „Die Ergebnisse führen zur Annahme, dass die paläolithische Ernährung zu einem niedrigerem Risiko für Übergewicht führen könnte“, so das Resümee der Autoren. Auch in einer Studie von Manheimer et al. [Paywall] zeigte sich, dass die Paleo-Ernährung zu höherem Gewichtsverlust führt sowie Lipide, Blutdruck und Blutzucker stärker verbessert als andere Diätformen.

Wird Caveman zum fat man?

Zahlreiche Studien schreiben der PALEO-Diät also positive Wirkungen auf Gewicht und Stoffwechsel zu. Eine Studie erachtet diese Ernährungsform dagegen sogar als gefährlich. Der Studienleiter Sof Andrikopoulos ist Präsident der australischen Diabetesgesellschaft und warnt: „Diese Art der Ernährung ist nicht empfehlenswert, besonders nicht für Menschen, die schon übergewichtig sind oder einen hauptsächlich sitzenden Lebensstil praktizieren. Für Menschen, die an Diabetes oder einer Diabetesvorstufe leiden, ist eine ‚low carb, high fat‘-Ernährung riskant.“

Das Studienziel war die Fragestellung, ob sich eine ‚low carb, high fat‘-Ernährung (LCHF) für Menschen mit Prädiabetes eignet und deren Blutwerte verbessert. Die Studie wurde jedoch nicht an Menschen, sondern an adipösen Mäusen mit Prädiabetes durchgeführt. Eine Gruppe erhielt eine ‚low fat, high carb‘-Ernährung (60 Prozent Fett, 20 Prozent Kohlenhydrate), die andere wurde mit einer fettarmen Ernährung mit nur 3 Prozent Fett und entsprechend höherem Kohlenhydratgehalt gefüttert. Nach 8 Wochen hatten die Tiere der LCHF-Gruppe 15 Prozent an Gewicht zugenommen, ihr Körperfettanteil hatte sich verdoppelt, ihre Insulinspiegel waren gestiegen und die Insulinresistenz hatte sich verstärkt.

Die Studie wirft zahlreiche Fragen auf. Es ist völlig unklar, ob die tierexperimentellen Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind. Eine Kritik, die der Studienleiter widerspruchslos annimmt. Außerdem hat die Arbeitsgruppe in ihrer Studie die Grundsätze der PALEO-Diät nicht realisiert. Es geht nicht darum, viel Fett und wenig Kohlenhydrate zu verzehren, sondern auf die Qualität der Speisen und deren Zubereitung zu achten sowie viel Gemüse zu essen. All das erhielten die Mäuse nicht. Die in der Studie verfütterte Nahrung entspricht eher einer Atkins-Diät. Auf der Homepage der Universität Melbourne warnt Andrikopoulos in Schrift und Video vor der Diät, seine kurze Formel: „PALEO-Diät  = Gewichtszunahme“.

Zusammenfassend stellt sich die Frage, ob sich der Terminus „Diät“ für eine „steinzeitliche Ernährung“ überhaupt eignet. Eine Diät wird über einen bestimmten Zeitraum durchgeführt, PALEO ist schon mehr eine Lebensphilosophie, vergleichbar mit vegetarischer oder veganer Ernährung. „Fleisch ist mein Gemüse“ ist jedoch nur ein Teil dieser Philosophie.

Die Datei als Download: Paleo Diet 08.04.2016