Von den Mitochondrien hängt unsere Gesundheit ab. Aber nicht nur: Ohne sie können wir keinen klaren Gedanken fassen. Und wir entdecken sie gerade erst so richtig.

 

Werner Vontobel

Was sind Mitochondrien eigentlich?

Mito – wie bitte? Mitochondrien, das sind die kleinen zigarrenförmigen Organellen, von denen es in jeder Zelle Hunderte und in den Hirnzellen gar Tausende hat. Sie gehören eigentlich nicht richtig zu uns, sie haben immer noch ihre ­eigene DNA und sind «eingebürgerte» Bakterien, die für uns eine wichtige Aufgabe übernehmen: Sie wandeln Sauerstoff in Energie um. Das «Benzin», das sie produzieren und das uns antreibt, ist ein Molekül namens Adenosintriphosphat, kurz ATP. In einer Zelle gibt es etwa eine Million dieser Moleküle und diese werden bei Bedarf dreimal pro Minute zerlegt (und rezy­kliert), wodurch Energie freigesetzt wird – wenn die Zelle gesund ist.

„Kraftwerke“ der Zellen: die Mitochondrien

„Kraftwerke“ der Zellen: die Mitochondrien

Wenn nicht, fehlt die Energie nicht nur in den Muskeln, sondern etwa auch bei der Produktion von Hormonen und Enzymen, bei der Reparatur der Zellen und nicht zuletzt beim Denken. Ohne gut funktionierende Mitochondrien können wir keinen klaren Gedanken fassen.

Letztlich ist jede Krankheit und Unpässlichkeit eine Funktionsstörung der Mitochondrien. Dennoch interessieren sich die meisten Mediziner nicht sonderlich für die Mitochondrien. Richtige Ärzte sind für ganze Organe zuständig – Herz, Lunge, Magen-Darm, Nasen-Ohren-Hals oder auch für das Skelett. Die Mitochondrien kommen zwar im ersten Studienjahr kurz mal vor, sind aber Sache der Zellbiologen. Sorry, andere Abteilung.

 

Doch das ändert sich zurzeit rasant:
Die Zellbiologen sind daran, das Feld der Medizin gleichsam von innen her aufzurollen. Sie wissen heute sehr viel genauer als noch vor wenigen Jahren, wie sich Nährstoffe, Bewegung, Sauerstoff, Licht, Wärme, Kälte und Biorhythmen auf die Funktionstüchtigkeit der Zellen auswirken. Wir wissen, wie wir die Zellen dazu bringen, mehr und effizientere Mitochondrien zu produzieren, und können aus den Veränderungen der Zellen Rückschlüsse auf Krankheiten ziehen. Wir müssen nicht mehr warten, bis sich die Symptome in den einzelnen Organen zeigen, sondern können die Krankheiten schon an der Wurzel erkennen und packen. Das wichtigste Kriterium ist die Fähigkeit der Mitochondrien, Energie zu produzieren. Heilung ist, wenn wir diese Fähigkeit wiederherstellen.

Für die herkömmliche Medizin hat dies eine fatale Konsequenz. Es bedeutet nämlich, dass wir (fast) jeden Krankheitszustand über die Veränderung der Ernährungs- und Lebensgewohnheit – Bewegung, Licht, Wärme/Kälte etc. – sehr gezielt beeinflussen können. Zudem kann die Wirkung der Therapie in den Zellen schnell gemessen werden. «Alternative» Therapien werden dadurch salonfähig. Das schliesst medikamentöse Behandlungen nicht aus, drängt sie aber in den Hintergrund. Sie hat nur noch einen begleitenden Charakter.

 

Kurz erklärt: Das sind Mitochondrien

Grob vereinfacht besteht eine menschliche Zelle aus einem Zellkern mit der DNA und vielen Mitochondrien. Diese produzieren ­unter anderem ein Molekül namens ATP, den Treibstoff der Zellen. Sie benötigen dazu Sauerstoff, Fett und/oder Kohlen­hydrate. Dieser Vorgang wird auch ­Elektronentransport, Atmungskette oder Beta-Oxidation (Fettverbrennung) genannt. Muskel- und Nervenzellen mit hohem ­Energiebedarf haben oft ­Hunderte von Mitochondrien. Sie sind ursprünglich Bakterien und ­haben ihre eigene DNA mit 37 Genen. Zwischen der DNA der Zelle und den Mitochondrien ­besteht eine ständige ­Wechselwirkung.

 

Ein Aussenseiter der Medizin erlebt ein Revival

Neu ist das nicht. Schon Hippokrates sagte: «Lass Nahrung deine Medizin sein.» Auch Sebastian Kneipp, Maximilian Bircher-Benner, Max Otto Bruker, Robert Atkins und viele andere haben ihre Patienten mit speziellen Diäten, Sonne, Bewegung und Wassertreten kuriert. Aber sie konnten den Erfolg ihrer Therapie nie mit Doppelblindstu­dien dokumentieren, und sie hatten nur eine ungefähre Ahnung davon, wie genau die Wirkung zustande kam. Deshalb blieben sie Aussenseiter und hatten wenig Einfluss auf den Medizinbetrieb.

Heute wissen wir sehr viel genauer, wie sich äussere Einflüsse via Zelle auf unsere Gesundheit und Energie auswirken. Die chemischen Reaktionen, die bei der Energiegewinnung in der Zelle ablaufen, sind genauso bekannt wie die ­Mineralstoffe, Vitamine und Fette, die daran beteiligt sind, und wie diese im Darm verarbeitet und umgewandelt werden. Denn das, was im Darm vom Blut aufgenommen wird, ist nicht immer das, was wir in den Mund stecken.

Wir wissen auch, dass die Mitochondrien immer nur entweder Zucker (Glukose) oder Fett verdauen können, und dass Zucker Vorrang hat. Ist die Verdauungsarbeit beendet, wird die Zelle erst einmal aufgeräumt, Zellen sterben ebenso ab wie defekte Mitochondrien. Die Proteinreste werden wiederverwendet. Nutzanwendung: Wir müssen immer wieder mal längere Essenspausen einschalten, damit diese Reinigung und Aufbauprozesse in Gang kommen. Dabei macht es einen Unterschied, ob wir gar nicht essen oder nur auf Kohlenhydrate oder Eiweiss verzichten. Auch die Dauer des Nahrungsverzichts ist wichtig: Nach etwa zwölf Stunden fährt die Zelle das Energiesystem hoch. Hungern wir länger als drei oder vier Tage, schaltet sie den Spargang ein und nützt jede Gelegenheit, Energie zu sparen und Reserven anzulegen.

 

Wir wissen heute von der Zelle auf, wie wir uns gesund machen

Auch das Licht steuert die Mitochondrien: Jede Zelle hat Rezeptoren. Sie reagiert so auf den Tages- und Jahresrhythmus, und diese ­Signale sagen ihr, wann sie welche Hormone produzieren muss. Blaues Licht etwa heisst: Achtung, Tagwache, Kortisol und Testosteron hochfahren. Dunkelheit heisst Systeme runterfahren, Melatonin ausschütten. Ultraviolettes Licht erzeugt Vitamin D. Ausserdem spielen die Photonen, die Elektronen des Lichts, eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung in den Mitochondrien. Nutzanwendung: Wir brauchen viel Sonne und Licht, notfalls vom Solarium oder von der Infrarot-Lampe. Unser Hormonsystem gerät aus dem Takt, wenn wir uns dem Rhythmus von Tag und Nacht und den Jahreszeiten entziehen.

Daneben gibt es noch drei weitere Faktoren über die wir unsere Mitochondrien gezielt ansteuern können: Bewegung, Atmung, Wärme und Kälte. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Fasten: Ein leichter Stress regt die Zellen an, die Energie- und Abwehrsysteme hochzufahren. Die Mitochondrien werden zahlreicher und fitter. Kurz: Wir wissen von der Pike, pardon von der Zelle auf, wie wir uns gesund machen und halten können. Wenn die Nase tropft, das Herz stockt oder die Niere zwickt, dann müssen wir immer erst unsere Mitochon­drien pflegen.

 

Doch darf ein Arzt dieses Wissen auch dann nützen, wenn es darum geht, ernsthafte Krankheiten zu heilen?
Nein. Das dürfen sie nur in Ausnahmefällen. Etwa dann, wenn sie sich – wie Terry Wahls – selbst heilen müssen. Die Professorin für Medizin an der University of Iowa erkrankte 2000 an schubförmiger multipler Sklerose. Die gilt als unheilbar, kann aber durch Chemotherapie verlangsamt werden. Nach etwa drei Jahren und rund 75 000 Franken Kosten allein für die MS-Medikamente landete Wahls dennoch im Rollstuhl. Dann suchte sie nach Alternativen und kam auf die Idee, ihre Mitochon­drien mit den nötigen Mineralstoffen und Vitaminen zu versorgen. Sie stellte sich einen Cocktail von Zusatzstoffen zusammen, (Kostenpunkt: ca. 1000 Franken pro Jahr) und setzte die Chemotherapie ab. Damit konnte sie ihren Zustand stabilisieren, aber nicht verbessern. Hatte sie etwas übersehen?

Ja. Ihre Zellen produzierten zwar wieder mehr Energie, aber auch zu viele freie Radikale, welche die Mitochondrien schädigen können. Um diese abzuwehren, braucht es eine breite Palette von Abwehrstoffen, wie sie nur in der Natur vorkommen. Fortan gab es bei Wahls täglich sechs Portionen Gemüse möglichst in allen Farben. Auch Fleisch setzte sie wieder auf den Speiseplan. Natürlich alles biologisch. Wahls stellte ihre Ernährung um, sanierte den Darm. Es dauerte kein halbes Jahr bis sie den Rollstuhl vergessen und wieder Wanderungen und Radtouren unternehmen konnte. Das Buch, das die Geschichte ihrer vollständigen Heilung beschreibt, heisst «Minding My Mitochon­dria» – ich pflege meine Mitochondrien.

 

Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente
Orthomolekulare Medizin

Wenn Ärzte anstelle von Medikamenten Vitamine, Mineralstoffe und Spuren­elemente in hohen Dosen einsetzen, spricht man von orthomolekularer ­Medizin. Linus Pauling etwa verschrieb Vitamin C gleich grammweise. Auch Magnesium wird oft hoch dosiert ein­gesetzt. Einer der ­Pioniere war der US-Zahnarzt Weston Price, der vor bald 100 Jahren die Ernährungs­gewohnheiten von ­Naturvölkern untersuchte. Er stellte fest, dass ­diese ein Vielfaches der bei ­unserer Kost üblichen Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen kon­sumieren. Laut Wikipedia gibt es «keine Beweise für die Wirksamkeit». Durch die Mitochondrien-­Medizin wird die Diskussion nun neu aufgerollt.

 

Therapie für Patienten im Endstadium

Ein anderer Ausnahmefall, der etablierten Ärzten die Anwendung alternativer Therapien erlaubt, tritt etwa dann ein, wenn Krebspatienten im Endstadium die übliche Chemotherapie nicht mehr vertragen. Dann darf der Arzt die Dosis auf ein Minimum beschränken. Das hat das Team von Professor Bülent Berkarda von der Onkologischen Abteilung des Universitätsspitals in Istanbul genutzt um diese neue Krebstherapie zu testen: Zunächst wird der Patient auf eine ketogene Diät gesetzt (viel Fett, sehr wenige Kohlenhydrate), durch Insulin und ein paar andere Tricks wird der Blutzucker weiter gesenkt, was die Krebszellen schwächt. Der Patient wird also in einer ständigen leichten Unterzuckerung gehalten. Diese wird durch 14 Stunden Fasten noch verstärkt. Erst in diesem Zustand wird die niedrigste zugelassene Dosis Chemotherapie angewandt. Diese wird durch Wärmetherapie, Sauerstoffkammer, hoch dosiertes, intravenöses Vitamin C bis zu 50 Gramm pro Tag, Sulfid (DMSO) und je nach Bedarf auch durch andere entzündungshemmende Zusatzstoffe unterstützt.

 

Billionenschwere Medizin-­Industrie wehrt sich

Ergebnis: Zwischen 2011 und 2015 wurden insgesamt 33 Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im End­stadium behandelt. Sie hatten bei Therapiebeginn eine mittlere Lebenserwartung von bloss 6,2 Monaten. Als die Studie 2016 publiziert wurde, hatten die Patienten im Schnitt schon 20 Monate überlebt, und 54 Prozent waren auch 2017 noch am Leben. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders aggressiv und gilt als unheilbar.

Im gleichen Zeitraum wurden 44 Patienten mit Lungenkrebs behandelt. Sie hatten mit der üblichen Chemotherapie eine Lebenserwartung von sechs bis elf Monaten. Beim Abschluss der Studie hatten die Patienten im Schnitt 43,4 Monate überlebt. Schlägt die Kur an, geht der Tumor meist innerhalb von drei Monaten deutlich zurück. Diese Erfolge haben sich herumgesprochen. Inzwischen bietet auch die Seegartenklinik in Kilchberg ZH eine (begleitende) Krebstherapie an, die auf der Stärkung der Mitochondrien und auf der Ausschaltung von Entzündungsherden beruht.

Hinter dem Ärzteteam der Uni Istanbul steckt der Zellbiologe Professor Thomas Seyfried vom Boston College. Er hat die Frage, ob Krebs – wie bisher angenommen – ein Gendefekt oder eine Krankheit des Kreislaufs ist, auf elegante Weise geklärt: Er ersetze in Krebszellen die kaputte DNA durch eine gesunde, die sogleich wieder verkrebste. Dann ersetze er die kaputten Mitochon­drien durch gesunde und siehe da: Die ganze Zelle inklusive Zellkern (DNA) wurde gesund. Damit hat Seyfried mit modernen Mitteln die alte und in Vergessenheit geratene These von Otto Warburg (Medizin-Nobelpreis von 1937) neu belebt. Warburg hatte festgestellt, dass die Mitochondrien der Krebszellen aus Fett keine Energie gewinnen können. Er schloss daraus, dass Krebs eine Krankheit des Stoffwechsels sei, die man mit einer kohlehydratfreien Diät heilen könne.

Wenn Krebs wirklich eine Krankheit des Stoffwechsels sein sollte, dann gilt dies wohl erst recht für Diabetes, Herzkreislauf-Krankheiten, Alzheimer und viele mehr. Und dann braucht man auch nicht mehr Doppelblindstudien mit 75 983 Patienten über fünf Jahre, um zu erkennen, ob eine Therapie die Sterblichkeit statistisch signifikant vermindert. Dann misst sich der Erfolg einer Therapie an der Leistungsfähigkeit der Mitochondrien, und die kann man schon mit einen simplen Laktat-Test messen. Damit rückt eine breite Palette von Aussenseitermethoden wieder in den klinisch messbaren Bereich.
Das wiederum wäre ein harter Schlag für Big Pharma und für die billionenschwere Medizinindus­trie. Die wehrt sich natürlich und pocht auf grossflächige – und entsprechend teure – Doppelblindstudien. Noch hat die Pharma die offizielle Wissenschaft auf ihrer Seite, und noch sind längst nicht alle Fragezeichen gelöst. Aber wir sind in einer spannenden Phase.

Bleiben Sie dran – und pflegen Sie schon mal Ihre Mitochondrien. Sie wissen ja jetzt, wie das geht.

 

 

Quelle: Artikel https://www.blick.ch/life/gesundheit/medizin/mitochondrien-sind-die-kraftwerke-unseres-koerpers-im-kern-gesund-id8001250.html