Cholesterin ist im Grunde genommen kein Fett, sondern ein Steroid des Fetts

Steroide gehören zu den Lipiden, es sind in der Regel nicht wasserlöslich und haben eine charakteristische chemische Grundstruktur. Das gesamte Cholesterin wird aus dem elementaren Energiemolekül Acetyl-CoA gebildet und das meiste davon entsteht im Körper selbst und wird nicht mit der Nahrung aufgenommen. Die Hauptquellen des Nahrungscholesterins sind tierischen Ursprungs, zum Beispiel Käse, Eigelb, Rindfleisch, Schweinefleisch, Geflügel und Shrimps. Die Sorge, dass ein erhöhter Cholesterinspiegel etwas mit Herzerkrankungen zu tun hat, stammt aus der Zeit um 1910, als der deutsche Chemiker Adolf Windaus berichtete, dass die arteriosklerotischen Plaques der Aorta, der Hauptschlagader des Körpers (die vom Herzen durch den Körper zieht), bei herzkranken Menschen eine 20 bis 26 Mal höhere Cholesterinkonzentration enthielten als bei Gesunden.
Seither wird heftig darüber debattiert, ob Cholesterin für diese Plaques verantwortlich ist und somit kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlaganfälle und Demenz verursacht, anstatt darüber, dass es eine sehr wichtige Rolle spielt, auf die wir jetzt zu sprechen kommen.


Cholesterin: Irrtümer und Fakten

Cholesterin wird im Allgemeinen dann zum Thema, wenn ein als zu hoch geltender Spiegel vorliegt. Doch ein niedriger Cholesterinspiegel scheint bei manchen Krankheiten ebenfalls eine Rolle zu spielen. Ein extrem niedriger Cholesterinspiegel wird zum Beispiel mit einem höheren Krebstodrisiko und einer allgemein höheren Sterblichkeit in Verbindung gebracht. Ein erhöhter Cholesterinspiegel schützt möglicherweise sogar vor Alzheimer.
Über die Rolle, die Cholesterin wirklich im Körper spielt, haben wir noch viel zu lernen, auch was die gravierenden Missverständnisse betrifft, dass Cholesterin generell schlecht sei, Cholesterin ist in der Tat so lebenswichtig, dass es praktisch in jeder Körperzelle vorkommt und für eine Menge nützlicher Funktionen zuständig ist. Cholesterin ist Bestandteil der Nebennieren- und Sexualhormone, der Gallensäuren zur Fettverdauung, es unterstützt die Gesunderhaltung der Haut und stellt eine Vitamin-D-Quelle dar.
Cholesterin ist für die normale Gehirnentwicklung im Säuglingsalter erforderlich; die Muttermilch enthält grosse Mengen davon. Die Zellmembran besteht zu 30 % bis 40 % aus Cholesterin, es ist an der Bildung der Zellform beteiligt und schützt sie vor Deformation. Es ist ein wichtiger Bestandteil einiger Zellrezeptoren, die spezifische chemische Stoffe binden und den Transport bestimmter Substanzen in die Zelle ermöglichen; und es bildet eine Schutzhülle um die Myelinscheiden der Nerven im Gehirn und im Zentralnervensystem. Cholesterin schützt unsere Zellen auch vor den Angriffen freier Radikale und wirkt daher als Antioxidans.
 
Für diese vielen wichtigen Aufgaben brauchen wir täglich eine bestimmte Menge Cholesterin. Laut Dr. Enig, von dem bereits die Rede war, beträgt das Gesamtcholesterin eines durchschnittlichen, 70 kg schweren Mannes 145 g, also etwa 1/3 Pfund. Etwa 10 – 14 Gramm zirkulieren im Blutstrom. Was wir nicht mit der Nahrung aufnehmen, wird grossenteils in der Leber und im Darm produziert und kann in fast jeder funktionstüchtigen Zelle gebildet werden. Nehmen wir zu viel Cholesterin zu uns, drosselt die Leber ihre Produktion, und umgekehrt. Daher beeinflusst eine geringe Aufnahme von Nahrungscholesterin den Gesamtcholesterinspiegel wenig, wenn überhaupt. Es heisst, die Leber produziere täglich 5 Gramm Cholesterin; wenn man also die gegenwärtig empfohlenen 300 Milligramm täglich zu sich nimmt, von denen nur die Hälfte vom Darm resorbiert wird, so wirkt sich diese geringe Menge nur sehr wenig auf den Gesamtcholesterinspiegels aus.

Vor nicht allzu langer Zeit galt ein hoher Cholesterinspiegel – ungeachtet seiner Komponenten, den Lipoproteins hoher Dichte (HDL) und den Lipoproteins niedriger Dichte (LDL) – generell als ungesund. Das HDL gilt heute aber als „gut“, da es Cholesterin aus den Arterienwänden wegschafft und sie damit frei davon hält. LDL dagegen gilt als schädlich, denn es ist ein Bestandteil der Plaques in den Arterienwänden, die zu verminderter Durchblutung und zur Verstopfung der Arterien führen können.

Wie sich herausgestellt hat, ist LDL wohl doch nicht ganz schlecht; es gehört zu dem „Mechanismus“, mit dem der Körper auf Infektionen und Entzündungen reagiert, und es ist an der Reparatur geschädigter Arterienwände beteiligt. LDL arbeitet mit den Leukozyten beim Abtöten der in die geschädigte Wand eingedrungenen Bakterien zusammen. Es wird Teil der Plaques, eine Art „Pflaster“ für die Wunden in den Arterienwänden. Zudem haben Forscher herausgefunden, dass hoher Blutdruck, der die Arterienwände schädigt, ein grösserer Risikofaktor für Herzinfarkt sein kann als ein erhöhter Gesamtcholesterinspiegel. Zum Gesamtcholesterin gehörten HDL und LDL.
 
Laut National Cholesterol Education Program 10-Year Risk Assessment Calculator, einer Herzinfarkt-Risiko-Bewertung über 10 Jahre im Rahmen des amerikanischen Cholesterin-Studienprogramms, die sich der Information aus der Framingham-Herz-Studie bedient, wird ein HDL-Spiegel unter 40 mg/dl (Milligramm pro Deziliter) als Hauptrisikofaktor für Herzkrankheiten angesehen. Darin wird jedoch der LDL-Spiegel als Risikofaktor nicht erwähnt. Die Framingham-Herz-Studie, die ursprünglich zur Erforschung der Risikofaktoren für Herzkrankheiten konzipiert wurde, ergab, dass Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit), Bewegungsmangel und Typ. A-Verhalten (Nervosität) alle zum Risiko für Herzkrankheiten beitragen, fand jedoch keinen Zusammenhang zwischen cholesterinhaltiger Ernährung und Herzkrankheiten. Überdies hat fast die Hälfte der Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, einen Gesamtcholesterinspiegel im Normbereich: unter 200 mg/dl.
Neuere Studien richten ihr Augenmerk genauer auf sehr kleine Cholesterinpartikel, die sogenannten VLDL (Lipoproteins von sehr niedriger Dichte), die durch das Standart-Lipid-Profil nicht als mögliche „Verdächtige“ gemessen werden (Ren, 2010). Ausserdem haben Forscher festgestellt, dass Menschen mit einem erhöhten Spiegel an C-reaktivem Protein (Marker für eine oft versteckte Entzündung) EIN WESENTLICH GRÖSSERES Herzinfarktrisiko haben als Menschen, deren Spiegel normal ist (Ridker, 2002). Ist Cholesterin nun der tatsächliche „Übeltäter“ bei Herzkrankheiten oder ist es einfach nur zufällig am „Tatort?“ Das weiss man immer noch nicht genau. Immer mehr tritt jedoch in den Vordergrund, dass autoaggressiv-entzündliche Prozesse an den Gefäßinnenwänden der entscheidene Faktor sind. Sollten wir versuchen, den Cholesterinspiegel zu senken, oder sollten wir den zugrunde liegenden Prozessen wie Entzündungen und Entzündungsauslösern, die das „schlechte“ Cholesterin angeblich erhöhen, mehr Aufmerksamkeit schenken? Es ist zu hoffen, dass die Antworten auf diese Fragen nicht mehr lange auf sich warten lassen.
 

Weitere detailliertere Informationen finden Sie im Buch: Alzheimer, vorbeugen und behandeln von Mary Newport. ISBN-Nummer: 978-3-867331-112-0. Kindle: 978/3-95484-057-1, PDF 98-3-95484-058-8