NZZ am Sonntag: Alt werden, jung bleiben – 25.03.2018

 

Alt werden, jung bleibenAlter ist der grösste Risikofaktor für Diabetes, Krebs oder Demenz. Nun wollen Forscher in den Alterungsprozess selber eingreifen, um ein Altwerden bei guter Gesundheit zu ermöglichen. – Von Theres Lüthi 

 

Menschen sind eigentlich dafür geschaffen, 40 Jahre alt zu werden, heute werden wir aber 80», sagt Johan Auwerx, Professor an der EPFL in Lausanne. In nur 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung in den reicheren Regionen der Welt verdoppelt. «Früher starben die Menschen an Infektionskrankheiten. Heute ist unsere zweite Lebenshälfte von chronischen Leiden gezeichnet.»

Arteriosklerose, Diabetes, Krebs oder Demenz – es sind in erster Linie die Leiden einer alternden Gesellschaft, die für den rasanten Anstieg der Gesundheitskosten verantwortlich sind. Und ein Ende ist nicht in Sicht. In der Schweiz leben derzeit über zwei Millionen Menschen, die 60 oder älter sind, das sind 24 Prozent der Bevölkerung. Bis zum Jahre 2050 werden es 35 Prozent sein, also jeder Dritte. Mehr alte Menschen bedeutet zwangsläufig mehr chronische Beschwerden.

 

Oder vielleicht doch nicht?

Seit einigen Jahren suchen Forscher nach Wegen, um den Beginn von Altersleiden wie Diabetes oder Krebs hinauszuzögern. Das Ziel ist indessen nicht, den Menschen noch länger leben zu lassen. «Wir sollten nicht älter werden, als wir sowieso schon werden», sagt Auwerx. Vielmehr soll die Phase, in der Menschen gesund und aktiv sind, verlängert, und die Phase, in der sie krank sind, verkürzt werden. «Es geht darum, die sogenannte Gesundheitsspanne zu verlängern. Anstatt die letzten 10 Lebensjahre mit chronischen Leiden zu verbringen, sollen es vielleicht noch 2 sein, dafür könnten wir 8 Jahre bei guter Gesundheit existieren.»

Tatsächlich weiss man inzwischen, dass den meisten chronischen Leiden die gleichen zellulären Prozesse zugrunde liegen. Eine zentrale Rolle spielen dabei kleine Zellorganellen namens Mitochondrien, oft auch die Kraftwerke der Zellen genannt. Es scheint, dass sie im Laufe der Jahre beschädigt werden und nicht mehr effizient arbeiten. Die lädierten Mitochondrien setzen Stoffe frei, die entzündliche Prozesse auslösen, Organe wie Herz, Hirn oder Muskel schädigen und die typischen Alters­gebrechen verursachen. Könnte man die Mitochondrien schonen oder beschädigte Exemplare beseitigen, sollten laut dieser Theorie die Altersleiden seltener oder zumindest später auftreten.

Doch die heutige Medizin ist darauf ausgerichtet, einzelne Krankheiten zu behandeln. Das ist nach Meinung der Altersforscher ein falscher Ansatz. In ihren Augen konkurrieren sich nämlich die einzelnen Altersleiden: Fortschritte gegen ein Gebrechen bedeutet, dass früher oder später ein anderes an seine Stelle tritt. Wer zum Beispiel einen Herzinfarkt überlebt, der könnte schon bald einen Schlaganfall erleiden oder an Demenz erkranken.

 

Wirklicher Fortschritt lässt sich demnach nur erzielen, indem man in den Alterungsprozess selber eingreift

«Die Idee besteht darin, mit geeigneten Methoden nicht nur eine spezifische Krankheit, sondern das ganze Spektrum von Altersleiden anzugehen», sagt Michael Ristow, Internist und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich. So sollte es möglich sein, mehrere chronische Krankheiten gleichzeitig zu verzögern und ein Altwerden bei guter Gesundheit zu ermöglichen.

In Tierversuchen hat sich dieses Konzept bereits bestätigt. Als besonders wirksam hat sich das Fasten erwiesen, im Fachjargon auch Kalorienrestriktion genannt. Dadurch werden die Mitochondrien besser trainiert, und es werden geringere Mengen an Insulin freigesetzt, was beides den typischen Alterserscheinungen entgegenwirkt. Tiere, die weniger fressen, erkranken deutlich später an Krebs und Herzkrankheiten, der Abbau von Nervenzellen verlangsamt sich, und das Leben verlängert sich.

Ob das Prinzip auch beim Menschen funktioniert, ist noch offen. «Ich halte es für sehr wahrscheinlich», sagt Ristow. Um dies überzeugend zu beweisen, müsste man allerdings eine grosse Gruppe Menschen mehrere Jahre auf eine kalorienreduzierte Diät setzen und mit einer Kontrollgruppe vergleichen. Solche Studien sind schwierig durchzuführen, denn die Diäten erfordern enorme Disziplin und Durchhaltewillen. «Deshalb sind Tabletten so verführerisch», sagt Ristow.

 

Mäuse waren im Alter fitter

Inzwischen kennen Wissenschafter einige Substanzen, die den gesundheitsfördernden Effekt des Fastens simulieren. «Will man im Alter von 65 chronische Krankheiten verhindern, müsste man Menschen in einem Alter behandeln, in dem sie noch gesund sind, etwa mit 45 oder 50», sagt Ristow. Damit einem ohnehin schon überlasteten Gesundheitssystem nicht noch mehr Kosten aufgebürdet werden, sollten in erster Linie günstige Substanzen erforscht werden. «Wissenschafter, die sozialpolitisch denken, beschäftigen sich deshalb hauptsächlich mit Substanzen, die nicht patentgeschützt sind und somit kaum Kosten verursachen.»

Johan Auwerx forscht an Nicotinamid-Ribosid, einer Form des Vitamins B3, das als Nahrungsergänzungsmittel verfügbar ist. Bei Würmern und Mäusen hat er bereits gute Resultate erzielt. Das Vitamin hilft, alte ­Mitochondrien zu beseitigen, was sich po­sitiv auf Muskeln und Gehirn auswirkt. «Die behandelten Mäuse waren im Alter fitter als unbehandelte Tiere und litten we­niger an altersbedingten Erkrankungen», sagt Auwerx. In einer kürzlich veröffentlichten Studie konnte Auwerx zudem zeigen, dass die Substanz im Gehirn von Mäusen die Bildung der für Alzheimer typischen Proteinklumpen hemmt.

Beim Menschen liegen erst kleinere Studien vor, welche die Wirkung von Nicotinamid-Ribosid auf bestimmte Gesundheitsparameter wie Bluthochdruck und Cholesterinspiegel untersuchten. Der Beweis, dass das Vitamin tatsächlich vor Altersleiden schützt und die Gesundheitsspanne verlängert, steht noch aus.

 

Bereits in Planung ist eine grosse Studie mit einer anderen Substanz

Metformin wird seit bald sechzig Jahren zur Behandlung von Diabetes verwendet. 2014 zeigte eine grosse Studie mit 180000 Menschen, dass Diabe­tiker, die Metformin einnahmen, gesünder waren und länger lebten als jene, die ein anderes Diabetesmedikament erhielten. Mehr noch: Sie lebten sogar länger als gesunde Personen ohne Diabetes und verzeichneten weniger Herzinfarkte und Krebserkrankungen. Wie Versuche mit Tieren zeigen, wirkt sich Metformin günstig auf Zellalterung und Entzündungsprozesse aus und könnte damit auch beim Menschen die Entwicklung altersbedingter Leiden wie Diabetes und Krebs hinauszögern.

Nun soll die Substanz bei Personen ohne Diabetes auf ihre gesundheitsfördernde Eigenschaft getestet werden. Unter Leitung von Nir Barzilai von der Albert Einstein University in New York soll Metformin oder ein Scheinmedikament an 3000 Personen im Alter von 65 bis 79 mit einem hohen Risiko für Krebs, Herzkrankheiten oder Demenz verabreicht werden. Die Teilnehmer werden sechs Jahre lang beobachtet und daraufhin untersucht, ob die typischen Altersleiden unter Einnahme von Metformin später beginnen als unter Placebo. Die amerikanischen National Institutes of Health übernehmen einen Teil der auf 65 Millionen Dollar geschätzten Kosten. Die restliche Finanzierung ist jedoch noch nicht gesichert.

Als «neues Metformin» wird Glucosamin gehandelt, eine Substanz, die bereits von Millionen von Menschen eingenommen wird – zur Behandlung von Gelenkbeschwerden wie Arthrose. «Man kann davon ausgehen, dass diese Substanz sicher ist und keine unerwünschten Nebenwirkungen hervorruft», sagt Michael Ristow.

Er konnte zeigen, dass die Substanz bei Würmern und Mäusen das Altern verzögert. «Gibt man Mäusen, die zwei Jahre alt sind – was beim Menschen dem Rentenalter entspricht –, Glucosamin, dann leben sie immer noch länger und sind gesünder.» Das heisst, man könnte relativ spät mit der Behandlung beginnen und immer noch einen Effekt erzielen.

Hinweise, dass Glucosamin auch bei Menschen eine gesundheitsfördernde Wirkung hat, liegen bereits vor. So analysierte eine epidemiologische Studie in den USA die Daten von 77000 Menschen und fand: Diejenigen Personen, die regelmässig Glucosamin einnahmen, wiesen ein deutlich reduziertes Sterberisiko auf.

 

Gesundheitssystem wird entlastet

Diese Korrelation beweist allerdings noch nicht, dass der Effekt tatsächlich auf das Glucosamin zurückgeht. «Was wir jetzt brauchen, ist eine doppelblind randomisierte Studie mit mindestens 4000 Personen im Alter von Mitte 50», sagt Ristow. Die eine Hälfte bekäme Glucosamin, die andere ein Scheinmedikament, und nach fünf Jahren würde man schauen, wie häufig Krankheiten in den beiden Gruppen auftreten. Gespräche mit der ETH, wie eine solche Studie zu realisieren ist, sind laut Ristow in Gang. «Eine Glucosamin-Studie wäre ein gutes Gegengewicht zur Metformin-Studie in den USA», findet der Forscher.

Ob Nicotinamid-Ribosid, Metformin, Glucosamin oder auch andere Substanzen geeignet sind, um den Alterungsprozess zu verlangsamen, dürfte sich in den nächsten Jahren herausstellen. Gelingt es den Forschern, die Altersgebrechen zu verhindern und die gesunde Lebensspanne zu verlängern, wäre der sozioökonomische Nutzen riesig – sowohl für die Individuen als auch für das Gesundheitssystem. So haben Berechnungen von Gesundheitsökonomen wie Jay Olshansky oder James Peyer ergeben, dass mit einer nicht patentgeschützten Substanz Menschen im Durchschnitt 1½ Jahre länger leben und das Gesundheitswesen durch den Rückgang an altersbedingten Erkrankungen um bis zu 70 Prozent entlastet würde. «Der seltene Fall einer Win-win-Situation für Individuum und Gesellschaft», sagt Michael Ristow.

 

«Will man im Alter von 65 chronische Leiden verhindern, müsste man Menschen behandeln, wenn sie noch gesund sind, mit 45 oder 50.»

 

Aus dem NZZ-E-Paper vom 25.03.2018

 

Anmerkung QuantiSana: mit der Basismedizin von IHHT, Wasser und der ketogenen Ernährung sind unzählige Studien schon vorhanden, welche exakt die geschilderten Ergebnisse bewiesen wurden.


Warning: A non-numeric value encountered in /html/wordpress/wp-content/themes/flat-bootstrap/content-page-nav.php on line 31