Lebenshilfe

Schluss mit der Opferrolle!

 

 

Schluss mit der Opferrolle! Triunity Lebenshilfe SeminareWenn man die Lebensgeschichten einiger Menschen hört, ist es manchmal schon fast unglaublich, was ihnen so zugestoßen ist. Zum Thema „Opfer“ und „Opferrolle“ haben wir in der letzten Zeit zwei prägnante Beispiele gehört. Diese beiden Fälle sind wirklich extrem, aber sie zeigen sehr eindrucksvoll, was unter Umständen geschehen kann, wenn man sich auf das „Opferspiel“ einlässt.

 

Lassen Sie uns zunächst die beiden Beispiele schildern, bevor wir dann im Anschluss einige Überlegungen aus unserer Sicht anbringen:

 

Beispiel 1

Es geht um eine Familie mit drei Kindern. Die Frau wurde in ihrer Jugend vergewaltigt. Dies war immer eine große Belastung für die Ehe. Im weiteren Verlauf der Zeit wurden zwei der drei Kinder ebenfalls vergewaltigt und missbraucht. Das belastete natürlich diese Ehe noch viel mehr. Es gab große Spannungen und die Idee des „Opfers“ wurde noch viel stärker. Als dann schließlich auch noch die dritte und jüngste Tochter vergewaltigt wurde, drehte der Vater durch und hat den Vergewaltiger kurzerhand erschossen.

Die Folge davon war: Der Vater wurde verhaftet, verurteilt und für mehrere Jahre eingesperrt. Jetzt sind die Frau und die drei Kinder nicht mehr „nur“ das Opfer des Vergewaltigers, sondern darüber hinaus auch noch das Opfer der Tat des Vaters. Denn die Familie muss jetzt ohne den Vater leben.

Und was den Vater betrifft, so fühlt er sich jetzt ebenfalls als Opfer des Vergewaltigers seiner Kinder, als Opfer seiner Tat und natürlich auch als Opfer der Justizbehörden. In der ganzen Familie gibt es niemanden, der sich nicht als Opfer von irgendjemandem fühlt … und alle leiden.

Wie man in dieser Geschichte sehr gut beobachten kann, hat sich die gesamte Situation über all die Jahre stetig verschlimmert, es ist immer weiter eskaliert.

 

Beispiel 2

Ein Ehemann schlägt seine Frau während der 11-jährigen Ehe. Die Frau erlebt die Schläge als Opfer ihres Mannes und wird mit der Zeit immer depressiver.

Nach rund 3 Jahren der Depression gelingt es der Frau schließlich, eine Lösung für ihre Situation zu finden – sie trennt sich von ihrem Mann.

Der Mann findet eine neue Freundin. Bald darauf findet auch die Frau einen liebenswerten neuen Freund. Alles scheint in bester Ordnung zu sein. Die Frau kann aufatmen. Der 11-jährige Leidensweg ist beendet. Die Gegenwart und die Zukunft sehen sehr rosig aus.

Nach einiger Zeit erfährt der Ex-Mann vom neuen Freund seiner Ex-Frau. Er stellt sie zur Rede und verlangt von ihr, dass sie ihren neuen Freund verlässt. Sollte sie dies nicht tun, so werde er sich das Leben nehmen.

Die Frau verlässt ihren neuen Freund natürlich nicht, warum sollte sie auch? Nach zwei weiteren Monaten wiederholte der Ex-Mann schließlich seine Drohung mit dem Selbstmord. Er kündigte ihr an, dass sie ihr ganzes Leben werde darunter leiden müssen, an seinem Tod schuldig zu sein.

Zwei Tage später brachte sich der Ex-Mann tatsächlich um und hinterließ einen Abschiedsbrief, in welchem er seine Ex-Frau für seinen Tod verantwortlich machte.

Die Folge davon war: Die betreffende Frau versank vollkommen in ihren Schuldgefühlen und ist nun schon seit 11 Jahren in einer totalen Depression. An ein normales Leben ohne starke Medikamente und ohne Psychotherapie ist nicht mehr zu denken. Natürlich hat auch der neue Freund diese Frau mittlerweile verlassen.

 

Unsere Überlegungen zum Thema:

Zugegeben, diese beiden Beispiele sind extrem. Aber in irgendeiner Form spielen wir alle hin und wieder, mehr oder weniger, dieses allseits beliebte Opferspiel. Es braucht schließlich relativ wenig, um sich als Opfer eines anderen Menschen zu fühlen. Was man an den beiden Beispielen deutlich sieht, ist aber folgendes:

Solange im Kopf eines Menschen die Idee „Ich bin Opfer von …“ vorherrscht, geht das Opferspiel immer weiter. Da helfen keine Methoden und keine Techniken, um aus dieser Opfersituation wieder herauszukommen. Das bedeutet, man kann zwar mit Hilfe einer Technik aus einer Opfersituation herauskommen – wie die Frau, die sich von ihrem Mann getrennt hat – aber in irgendeiner Form geht das Opferspiel danach dennoch weiter. Die verhängnisvolle Kette geht so lange weiter, bis sie von uns durchbrochen wird. Und durchbrochen wird sie erst, wenn im betreffenden Menschen die Erkenntnis erwacht: „Ich bin nie das Opfer eines anderen Menschen.“

 

Oft erlebt man auch, dass die Opfer – also die betroffenen Menschen – von ihren Freunden getröstet werden. Man tut das in dem Sinne, dass auch die Freunde bestätigen, dass man ein Opfer ist. Diese gut gemeinte Unterstützung tröstet zwar die betroffenen Menschen im ersten Moment – aber mittel- bis langfristig wirkt sich das kontraproduktiv aus, weil die Idee „ich bin ein armes Opfer“ auch noch von den Freunden bestätigt und damit weiter verstärkt wird.

 

Nach dem Gesetz von „Aktion ist gleich Reaktion“ gibt es aber keine Opfer. Niemand ist zufällig das Opfer eines anderen Menschen – auch wenn das von außen manchmal so aussehen mag. Mit Ausnahme man macht sich zum Opfer. Aber das bringt nichts – rein gar nichts – mit Ausnahme einer schrittweisen Verschlimmerung der Situation, wenn man sich als Opfer eines anderen Menschen betrachtet.

Ach ja – und noch etwas: Dieses Opferspiel kann natürlich von Generation zu Generation weitergehen. Solange bis jemand kommt, der die Kette durchbricht. Bis jemand erklärt: „Ich bin kein Opfer – von nichts und niemandem!“

 

Wir erleben immer wieder, dass Menschen uns beispielsweise für herzlos und brutal halten, weil wir einen bestimmten Menschen, dem es schlecht geht, nicht in seiner Opferrolle bestätigen. Sätze wie „ach du armer Mensch, was hat man dir nur angetan?“ sind normalerweise nicht Teil unseres Lebenskonzepts.

 

Aber wenn wir schon als „brutal“ betrachtet werden, dann sind das Leben und seine Lebensgesetze noch viel „brutaler“. Denn es lässt uns unser Spiel immer weiter spielen, und zwar so lange, bis wir dazu keine Lust mehr haben. Ganz wie es nach dem Prinzip des freien Willen halt so ist. Und wenn wir das „Opfersein“ verstärken wollen, dann geschehe es nach unserem freien Willen.

 

Dank des freien Willens haben alle Menschen also die Möglichkeit …

a) weiterhin das Opfer zu spielen – oder

b) mit dem Opferspiel sofort aufzuhören.

 

Alles, was es dazu braucht, ist eine Entscheidung aus ganzem Herzen: „Ich bin nicht das Opfer – niemals!“ So gelangt man vom Opfer zum Schöpfer einer neuen Realität.
Dieter E. Weiner