Aufgrund MAP Einnahme zum Weltrekord

Fitness
9.4.2016, 04:50 Uhr

Eigentlich hätte es ein ganz normales Treffen werden sollen, zum Schluss ergab sich daraus ein Weltrekordversuch. 85 Liegestütze in einer Minute, ist das noch gesund? Ja, sagt Roman Dossenbach und lässt seine Muskeln spielen. Von

Roman Dossenbach

«Schmerzen vergehen, die Leistung bleibt»: Liegestütz-Weltrekordhalter Roman Dossenbach. (Bild: Basile Bornand)

Ein Kleinbasler Einkaufscenter, zweiter Stock. Fitnessgeräte ächzen, das Radio rauscht. Ein pathetisches Lied wäre jetzt ganz schön, irgendetwas Bedeutungsschwangeres. Stattdessen Nachrichten.

Herr Dossenbach, sind Sie nervös? «Mein Körper ist nervös, ich selber nicht», sagt Dossenbach, dem äusserlich keine Regung anzumerken ist. Routiniert erklärt er das Equipment. «Zwei Videokameras, da eine und da eine, eine Stoppuhr, eine Kamera und hier, der ist für Sie.» Ich halte einen Zähler in der Hand. Zusammen macht das die Ausgangslage für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Nicht schlecht für eine Verabredung, aus der ein Porträt hätte hervorgehen sollen. Jetzt also ein Weltrekord. Und die TagesWoche am Zähler.

Die Nachrichten sind vorbei, jetzt läuft doch noch Musik. Dossenbach legt los, der Zähler klickt. Klick. Klick.


Unter Dossenbachs Kittel spannt sich ein Trizepts,
um den ihn die harten Jungs im Fitnesscenter beneiden.


 

Im echten Leben ist Roman Dossenbach 57 Jahre alt, Teamleiter in einer grossen Gebäudetechnikfirma und als solcher verantwortlich für die Infrastruktur des «Clarahuus». Die Kunden des Einkaufscenters kennen ihn nicht. Er ist der mit dem blauen Hemd und der schwarzen Hose, ein Schattenmann, ohne den keine Rolltreppen rollen und keine Drehtüren drehen.

Unter Dossenbachs blauem Arbeitskittel spannt sich bei jedem Handgriff ein Trizeps, um den ihn die harten Jungs im Fitnesscenter des zweiten Stocks beneiden würden. Denn Dossenbach ist mehrfacher Liegestütz-Weltrekordhalter. So nebenbei. Unter der Oberfläche sozusagen und damit in einem Lebensbereich, den man als Parallelwelt bezeichnen könnte. In mehrfacher Hinsicht.

Der Zähler klickt. Klick. Klick.

Alles begann mit einer App

Vor vier Jahren bekam Dossenbach von seinem Bruder eine App geschenkt. Sie animiert den User zu allerlei körperlichen Übungen wie Sit-ups, Klimmzügen oder Liegestütze und überträgt die persönlichen Leistungsdaten in ein virtuelles Ranking. Dossenbach packte der Ehrgeiz, er stemmte 100, bald 500, bald 1000 Liegestütze am Tag, lieferte sich «legendäre mitternächtliche Challenges» mit anderen App-Usern, wie auf einem Blog nachzulesen ist. An seinem bisher leistungsstärksten Tag drückte der Gebäudetechniker über 6000 Liegestütze. Das sind über den Tag verteilt zirka vier pro Minute.

Eigentlich wollte Dossenbach in jungen Jahren Schweizergardist werden, aber ein Bänderriss am rechten Fuss band ihn zurück. Er machte gerne Langlauf, aber eine Knieverletzung zwang ihn zum Aufhören. Seit einem Autounfall auf Dienstreise im Nordirak 1983 leidet der 57-Jährige unter Arthroseschmerzen im rechten Sprunggelenk. Aber seine Arme, die funktionieren. Dossenbach steht aufrecht, starker Händedruck, graublaue Augen. Einen Dranbleiber nennt er sich selber, einer, der nach vorne schaut. Einer der nicht aufgibt. Einer, der im Dauerkampf steht mit dem inneren Schweinehund. Ein Ans-Limit-Geher.

Im Ring mit virtuellen Kontrahenten

Nur: Warum das alles? Dossenbach scheint es zu lieben, sein Gegenüber mit den wahnwitzigen Leistungsdaten der vergangenen Jahre zu konfrontieren, er weiss sie alle auswendig. Überhaupt scheinen Zahlen eine grosse Rolle zu spielen, sie schimmern an der Spitze noch zu knackender Rekorde, sie manifestieren sich in virtuellen Rankings, sie beeindrucken Journalisten.

Wie wichtig Zahlen für ihn sind, merkt Dossenbach dann, wenn sie gefälscht werden. Wie im Liegestütze-Ranking der App Runtastic. Seit Monaten steht Dossenbach dort einer vor der Sonne auf Platz eins. «Kein Profilbild, keine Freunde, kein echter Name und 350‘000 Liegestütze im Monat. Das kann einfach nicht sein», sagt Dossenbach. Heute benutzt er die App nicht mehr.

runtastic

Im aktuellen Monatsranking auf Runtastic.com ist User Yankee C. in drei Disziplinen vorne mit dabei. Yankee C. ist mit hoher wahrscheinlichkeit ein Betrüger und vermiest ehrlichen Sportsmännern wie Dossenbach die Tour. (Bild: Runtastic.com)

Dossenbachs Rhythmus verlangsamt sich etwas, die Halsadern quellen hervor. Klick. Klick. Klick.

Dann ist da noch der Spiegel. Sein Aussehen sei ursprünglich keine Motivation gewesen, sagt Dossenbach, aber wenn er sich heute selber betrachtet, denkt er: «Momol, das isch in Ornig.» Er steht zu diesem privaten Narzissmus ohne Umschweife, nach aussen allerdings stellt er seinen Body nur im Netz zu Schau. «Oben ohne in die Badi, das muss ich nicht haben.»

Roman Dossenbach

«Momol, das isch in Ornig». Roman Dossenbach lässt sich nur für befreundete Blogger oben ohne abbilden. (Bild: Runtastic.com)

Andere würden es als Zwang bezeichnen, er nennt es Bewusstsein. Beim Essen, beim Training, bei der Pulsmessung, beim Schlafrhythmus. Immer sind da Geräte, die Kohlehydrate und Regenerationssekunden zählen, Dossenbach befindet sich in einer fortdauernden Matrix aus Kennwerten. «Ich mag das, ich bin gesund», sagt er. Und ja, er sieht nun mal verdammt gesund aus.


 

«Schmerzen vergehen, was bleibt ist die Leistung. Und die kann jeder bringen, es ist nur eine Frage des Willens.»

Roman Dossenbach

 

«WORLDRECORD BROKEN», platzt es aus mir heraus. Vor lauter Konzentration aufs Mitzählen haben wir die kritische Zahl verpasst. Dossenbach stemmt noch ein, zwei Liegestütze, dann ist die Minute um. 85 Liegestütze in 60 Sekunden, den alten Wert von 79 hat er um sechs überboten. Dossenbach steht auf und strahlt, sein Oberkörper spannt unter dem engen Shirt. «Das war doch nicht schlecht oder?», sagt er und drückt uns Formulare in die Hand. Augenzeugenberichte, von ihnen fordert die Guinness Company in London mindestens drei.

Wenn alles gut geht, wird sich Roman Dossenbach in ein paar Monaten Bearbeitungszeit seinen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde in der Kategorie Knuckles-Pushups wieder zurückgeholt haben. Bis dahin wird er im Heizungskeller weiter Druckausgleichszähler checken und Umluftwerte messen.

Klar freue er sich über die gelungene Performance, sagt er zum Schluss, aber sein grösster Wunsch sei es, als Gesundheitsbotschafter wahrgenommen zu werden. Es zwicke ihn zwar hin und wieder in der Rückenmuskulatur und manchmal schmerzen die Handgelenke. Aber das schiebt er von sich. «Schmerzen vergehen, was bleibt ist die Leistung. Und die kann jeder bringen, es ist nur eine Frage des Willens.»

 

Link zum Artikel: http://www.tageswoche.ch/de/2016_14/basel/715732/