von Edgar Gärtner

Die Zeiten sind vorbei, in denen Ernährungswissenschaftler für Übergewicht und dessen gesundheitliche Folgen wie Bluthochdruck, Arteriosklerose und Insulinresistenz in erster Linie den Genuss von zu viel Fett verantwortlich machten. Inzwischen warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vielmehr vor stark gezuckerten Speisen und Getränken.

Die in Genf ansässige Gesundheitsbürokratie empfiehlt Erwachsenen und Kindern in ihrem Anfang März 2015 vor- gestellten Ernährungsrichtlinien-Entwurf, nur fünf Prozent ihres täglichen Energiebedarfs in Form von Zucker zu sich zu nehmen. Heute nimmt der Durchschnitts-Deutsche jeden Tag fast 100 Gramm Zucker zu sich. Der Durchschnitts-Schweizer genehmigt sich noch grössere Zucker-Rationen: Während ein Deutscher übers Jahr rund 36 Kilo Zucker zu sich nimmt, kommt der Durchschnitts-Schweizer fast auf 60 Kilo! Die WHO empfiehlt, die Zucker-Aufnahme auf täglich 25 Gramm zu drücken. Diese Menge wird aber schon mit einer einzigen Büchse Cola überschritten!

Dass die braune Brause voller Zucker steckt, hat sich allerdings inzwischen herumgesprochen. Ernährungsbewusste Cola-Liebhaber versuchen, diesem Dilemma zu entkommen, indem sie auf Light- beziehungsweise Zero-Cola umsteigen, bei der ein Grossteil des Kristallzuckers durch chemische Süssstoffe wie Aspartam ersetzt wurde. Doch damit handeln sie sich möglicherweise ganz andere Gesundheitsrisiken ein. Wegen der Verteufelung der Fette in den Massenmedien und dem Streben vieler Verbraucher nach einer schlanken Linie hat die Nahrungsmittelindustrie in den vergangenen Jahrzehnten den Fettanteil in vielen Fertiggerichten deutlich vermindert und wirbt erfolgreich mit dem Aufdruck «fettreduziert» auf Verpackungen. Das heisst aber noch lange nicht, dass die so beworbenen Speisen den Verbrauchern auch wirklich zur schlanken Linie und zu einem gesünderen Leben verhelfen.

  • Heute nimmt der Durchschnitts-Deutsche jeden Tag fast 100 Gramm Zucker zu sich. Die WHO empfiehlt, die Zucker-Aufnahme auf täglich 25 Gramm zu beschränken. Diese Menge wird aber schon mit einer einzigen Büchse Cola überschritten!
  • Wie Alkohol und Tabak ist Zucker eine Droge. Er regt den Appetit auf neuen Zucker an und macht süchtig.
  • Mediziner machen das Überangebot von stark gezuckerten Lebensmitteln vor allem für die wachsende Zahl übergewichtiger Kinder verantwortlich.

 

Mehr Zucker, mehr KonsumSuchtforscher fanden heraus, dass die Aufnahme von Zucker im Belohnungszentrum zu einer Ausschüttung von Dopamin führt – ein Signal an das Gehirn, dass etwas Wichtiges passiert und das gesamte Verhalten auf diesen Reiz ausgerichtet werden soll. Deshalb also greift man bei Zucker immer wieder zu. Dieser Mechanismus funktioniert so auch beim Konsum von Drogen. Wir befinden uns also buchstäblich im Zuckerrausch.

Am empfänglichsten für Zucker sind Suchtforschern zufolge Jugendliche und Kinder. Das beobachteten auch amerikanische Wissenschaftler in einem Ferienlager: 91 Kinder wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen erhielten Cerealien mit wenig Zucker, die anderen Cerealien mit deutlich mehr Zucker. Essen durften die Kinder so viel sie wollten. Ergebnis: Je süsser die Frühstücksflocken, desto grösser die Portionen.

Die Kinder in der Gruppe mit den verzuckerten Flocken assen am Ende fast die doppelte Menge. Dabei bewerteten die beiden Gruppen die Cornflakes vom Geschmack her ähnlich. Cerealien müssten also gar nicht so viel Zucker enthalten – doch er sorgt für mehr Konsum.

 

Der versteckte Zucker

Spaghetti mit Tomatensosse: Viel Zucker findet sich in Tomatensauce für Nudelgerichte. In einem 500-Gramm Glas Mirácoli zum Beispiel 36 Gramm. Die WHO empfiehlt eine Zuckeraufnahme von täglich 25 Gramm.

Viel Zucker findet sich in Tomatensauce für Nudelgerichte. In einem 500-Gramm Glas Mirácoli zum Beispiel 36
Gramm. Die WHO empfiehlt
eine Zuckeraufnahme von täglich 25 Gramm.

Anders als Cola, Schokolade oder Gummibärchen, die bekanntermassen viel Zucker enthalten, gilt zum Beispiel Tomaten-Ketschup, zumal wenn er pikant gewürzt ist, nicht gerade als Süssspeise. Doch enthält üblicherweise schon eine einzige Halbliter-Flasche davon 130 Gramm Zucker. Das sind 43 Würfel! Viele Liebhaber von Currywurst, Bratwurst oder gegrillten Steaks, die normalerweise mit viel Ketschup dekoriert werden, wird das überraschen. Und in den Würsten selbst ist in der Regel ebenfalls Zucker – und zwar je nach Sorte in durchaus nennenswerten Mengen. Viel Zucker findet sich auch in Tomatensauce für Nudelgerichte. In einem 500-Gramm Glas Mirácoli zum Beispiel 36 Gramm. Fettreduzierte Salt-Dressings für Menschen, die auf ihre Linie achten möchten, enthalten bis zu dreimal mehr Zucker als Fett. Wenn Fett als natürlicher Geschmacksverstärker ausfällt, muss eben Zucker an seine Stelle treten. Auch Gemüse und Früchte in Schnappdeckel-Gläsern oder Konservenbüchsen enthalten in der Regel erstaunliche Mengen von Zucker, der hierbei sowohl als Konservierungsmittel als auch als Geschmacksverstärker dienen kann. So enthalten 700 Gramm zubereiteter Rotkohl im Glas 77 Gramm oder 25 Würfel Zucker. Eine Dose mit 450 Gramm Ananas enthält 54 Gramm oder 18 Würfel Zucker. Gläser mit sauren Gurken enthalten 15 bis 17 Prozent Zucker.

Mediziner machen das Überangebot an stark gezuckerten Lebensmitteln vor allem für die wachsende Zahl übergewichtiger Kinder verantwortlich. In der Schweiz gilt heute jedes fünfte Kind als zu dick, jedes zwanzigste gar als ausgesprochen fettleibig. Die Zahl dicker Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Oft beginnt die Fettleibigkeit schon im Vorschulalter. Die Schweizer Konsumentenschutzorganisationen kritisieren die Verführung der Kinder durch die aggressive, zielgruppenorientierte Werbung für überzuckerte Frühstücks-Produkte in Kindersendungen des Fernsehens. So enthalten die beinahe jedem aus der TV-Werbung bekannten «Kellog‘s Smacks» 58 Würfel Zucker in einer einzigen 500-Gramm-Packung. Die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittelindustrien hat inzwischen auf die Kritik reagiert und verweist auf «Swiss Pledge», eine freiwillige Verpflichtung zur Selbstzensur der Werbung, der sich ein Dutzend Unternehmen angeschlossen haben. Doch die Konsumentenverbände sehen bislang keine wirkliche Trendwende bei den Werbespots für stark zuckerhaltige Getränke oder Fertiggerichte.

 


TV-Koch Jamie Oliver: Zucker so gefährlich wie Tabak

Jamie Oliver

TV-Koch Jamie Oliver: Zucker so gefährlich wie Tabak
Englands TV-Starkoch Jamie Oliver sagt, dass Zucker »der nächste Tabak” sein wird und aufgrund seiner gesundheitlichen Risiken sonderbesteuert werden müsse. The Telegraph zitiert: »Risiken durch zuckerhaltige Lebensmittel verursachen eine Krise im öffentlichen Gesundheitswesen, ähnlich wie das Rauchen, und deshalb sollte Zucker in der gleichen Weise wie Tabak besteuert werden.”

Der Fernsehkoch prognostizierte, dass «Zucker auf jeden Fall der nächste Bösewicht” sein werde und aufgrund der gesundheitlichen Risiken auf die Schwarze Liste des britischen Nationalen Gesundheitsdienstes NHS gesetzt werden sollte. Er fügte hinzu, dass Grossbritannien dem Beispiel Frankreichs folgen sollte. Dort werden zuckerhaltige Getränke besteuert.

Zucker hat viele negative Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Zum einen kann er folgende Symptome auslösen: Müdigkeit, Antriebs- und Energielosigkeit, Depressionen, Angstzustände, Magen- und Darmprobleme wie Völlegefühle, Blähungen, Durchfall und Verstopfung, Haarausfall, Hautkrankheiten, Pilzbefall, Menstruationsbeschwerden, Nervosität, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder geistige Verwirrtheit.


 

Fett, die gesündere Alternative?

«Wie Alkohol und Tabak ist Zucker eine Droge, vor deren Genuss die Regierung warnen sollte. Zucker ist die gefährlichste Droge unserer Zeit und ist dennoch überall frei erhältlich.» Das verkündete im vergangenen Jahr Paul van der Velpen, der Chef des Amsterdamer Gesundheitsdienstes. Fett kommt hingegen bei van der Velpen vergleichsweise gut weg. Während nämlich fette Speisen satt machten, rege Zucker den Appetit an. Er mache süchtig. Aus diesem Grund enthielten industriell hergestellte Fertiggerichte immer mehr versteckten Zucker. Auf die Verpackungen von Fertigspeisen und süssen Softdrinks müsse, ähnlich wie auf Zigarettenschachteln, ein warnender Aufdruck nach dem Muster «Zucker macht süchtig und ist gesundheitsschädlich!», meint van der Velpen. Er regt an, die Krankenkassen sollten Zucker-Entwöhnungskuren finanzieren und die Hersteller süsser Energy Drinks sollten strafrechtlich belangt werden.

Ob das der richtige Weg ist, bleibt dahin gestellt. In einem freiheitlichen Gemeinwesen sollten die Verbraucher selbst herausfinden können, wie viel Zucker ihnen schadet oder gut tut. Denn es gibt grosse individuelle Unterschiede in der Zuckerverträglichkeit. Oft ist es für Laien allerdings nicht einfach, aus der Liste der Inhaltsstoffe auf den Verpackungen zu ersehen, ob und wie stark die verpackten Getränke oder Fertiggerichte gezuckert sind. Denn der Zucker verbirgt sich oft hinter wissenschaftlichen Bezeichnungen wie Glucose, Fructose, Dextrose, Saccharose, Lactose, Maltose, Maltodextrin, Cyclodextrin, Malzextrakt oder auch Inulin. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat insgesamt etwa 70 zuckerähnliche Stoffe in Lebensmitteln ausgemacht. Man kann davon ausgehen, dass in allen Fertiggerichten Zucker oder zuckerähnliche Stoffe als Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel eingesetzt werden. Nur wer ganz auf Fertiggerichte verzichtet, kann also im Zweifelsfall ausschliessen, seinen Organismus mit verstecktem Zucker zu belasten. Ob die von Verbraucherverbänden schon seit Jahren geforderte grün-gelb-rote Nährwert-Ampel auf Lebensmittel-Verpackungen weiterhilft, erscheint dagegen eher als fraglich. Denn es macht, wie angedeutet, einen grossen Unterschied, ob eine Kalorie aus Zucker, Fett oder Eiweiss besteht.