20. August 2017, Med-News

 

Behandlungsfehler oder ganzheitliche Medizin: Wie urteilen Richter?

Der Bundesgerichtshof hat mit einem Urteil Anbietern alternativer Medizin jetzt den Rücken gestärkt: Alternative Behandlungsmethoden sind rechtlich zulässig und können daher nicht von vornherein als fehlerhaft gelten, heißt es in der Urteilsbegründung. Insbesondere bei schweren Eingriffen müssen Ärzte aber auch die Behandlungsmöglichkeiten der Schulmedizin im Blick haben.1,2

Im konkreten Fall ging es um eine Behandlung im Rahmen der „ganzheitlichen Zahnmedizin“. Bei einer „Herd- und Störfeldtestung“ hatte der Zahnarzt Dr. Lechner aus München festgestellt, dass aus Entzündungsherden der Zähne Eiweißverfallsgifte in den Körper gelangen – von der rechten Kopfhälfte bis in den Unterleib. Der Knochen des rechten Oberkiefers werde unzureichend mit Nährstoffen versorgt und es komme zu einem „stillen Gewebsuntergang im Knochenmark“, so seine Diagnose. Die Therapie nach Einwilligung der Patientin: Sämtliche Backenzähne im Oberkiefer wurden entfernt und der Kieferknochen gründlich ausgefräst.

Wegen Schwierigkeiten mit der verordneten Prothese, suchte die Frau einen anderen Zahnarzt auf, der sich sehr kritisch zur Behandlung des Kollegen äußerte. Die Patientin verklagte daraufhin den ersten Zahnarzt und verlangte Rückzahlung des gezahlten Honorars, die Erstattung von Folgebehandlungskosten sowie ein Schmerzensgeld von mindestens 5000 Euro. Landgericht und Oberlandesgericht (OLG) gaben dem weitgehend statt.

Der BGH hob diese Urteile nun auf und verwies den Streit zur erneuten Prüfung an das OLG Zweibrücken zurück. Die Begründung: Die Vorinstanzen hätten sich auf einen Gutachter gestützt, der nach eigenem Bekunden nicht mit den Grundlagen der ganzheitlichen Zahnmedizin vertraut ist. Dies sei in solchen Fällen aber notwendig. Die Anwendung nicht allgemein anerkannter Therapieformen sei „rechtlich grundsätzlich erlaubt“, so die Karlsruher Richter. Nachdem Patienten über die Tragweite ihrer Entscheidung informiert wurden, könnten sie „jede nicht gegen die guten Sitten verstoßende Behandlungsmethode wählen“. Aus einem alternativen Behandlungsansatz könne daher „nicht von vornherein auf einen Behandlungsfehler geschlossen werden“.

Allerdings wird in dem Urteil (Bundesgerichtshof: Az.: VI ZR 203/16) auch betont, dass Ärzte bei einer solchen Behandlung immer die Vor- und Nachteile für den konkreten Patienten abwägen müssen. Dabei dürften sie auch die Möglichkeiten der Schulmedizin nicht aus dem Blick verlieren. „Je schwerer und radikaler der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Patienten ist, desto höher sind die Anforderungen an die medizinische Vertretbarkeit der gewählten Behandlungsmethode“, heißt es in dem Urteil. Für die Frau waren die Folgen erheblich, da sie ohne Prothese nicht mehr richtig kauen kann und in den ausgefrästen Kieferknochen keine Implantate mehr eingesetzt werden können. Jetzt bleibt abzuwarten, zu welcher Beurteilung der neue Gutachter kommt.

 

 

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avisan

Zahnmedizin

Bei dem Urteil fällt mir nur ein: was hätte der Richter selbst für sich entschieden, wenn es „seiner eigenen Heiligkeit“ passiert wäre? Kopfschüttel !!!
Ganzheitlichkeit hin oder her: Wenn ich nen Pickel am Fuß habe, wird der nicht gleich amputiert.

20. August 2017 – 21:23 Uhr

 

trockendoc

Allgemeinmedizin

„Ganzheitliche(Zahn-)Medizin“ und „Schulmedizin“- was sind denn das für unsinnige Begriffe! Wie kann Zahnmedizin ganzheitlich sein? Leider wird das Wort „ganzheitlich“ immer wieder verwendet, um damit spekulative Zusammenhänge oder unspezifische Interventionen, die sich auf romantische und wissenschaftsferne Vorstellungen berufen,zu bezeichnen. Was „Schulmedizin“ eigentlich sein soll, konnte mir bisher niemand erklären. Ich weiß, dass das Wort von den Nazis verwendet wurde, um damit jüdische Hochschullehrer der Medizin zu diffamieren. Dieses Gerichtsurteil spricht m.E. für eine komplette Ignoranz medizinischer Wissenschaft und Behandlungsstandards.

21. August 2017 – 06:50 Uhr

 

ingrit

Allgemeinmedizin

Gibt es nicht für“ Schulmedizin“ sogar eine Definition: Leitlinien der Fachgesellschaften.
Oder sollte man sagen: Richtlinien?
Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich eine andere „Medizin“, die leider wenig von den „Schulmedizinern“ zur Kenntnis genommen wird. Es gibt sehr viele Forschungsergebnisse über Chronisch entzündliche Erkrankungen, die durchaus bereits mit verifizieren Untersuchungen vorzeitig erkannt und behandelt werden können.

21. August 2017 – 08:39 Uhr

 

oniro-shambala

Allgemeinmedizin

Nachzulesen z.B. bei Dr. Lechner München, alles Über NICO und RANTES

21. August 2017 – 08:50 Uhr

 

lightfull

Allgemeinmedizin

wir werden nicht umhin kommen, den Menschen weniger als mechanisches Konstrukt –> sondern als Bewusstseins-Wesen wahrzunehmen. Meines Erachtens war es eine gravierende Fehlentscheidung, die Medizin den Naturwissenschaften zuzuordnen. In jedem alten Heiltempel des Altertums, gab es Amphitheater zur Erheiterung der Patienten, die heilige Quelle, so etwas wie Hypnose, um den Heilungsvorgang zu unterstützen.

21. August 2017 – 08:59 Uhr

 

holibaus

Pharmakologie

Mich wundern an diesem Fall Aufklärung und Einwilligung. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die (hoffentlich schriftliche) Aufklärung und anschließende (hoffentlich schriftliche) Einwilligung vollkommen wasserdicht gewesen sein sollen. Waren dies vielleicht die enscheidenden Hebel der Vorinstanzen?
Wie dem auch sei: Solche Fälle (mit so großen Eingriffen) schreien nach einer Zweitmeinung!

21. August 2017 – 09:11 Uhr

 

pschneider

Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

über solche Gerichtsurteile unseres höchsten Gerichtes kann man nur den Kopf schütteln!
Armes Deutschland

21. August 2017 – 09:37 Uhr

 

carkunz

Psychologische Psychotherapie

Ganzheitliche Zahnheilkunde kann man lernen z.B. bei der DGAK. Dies sollte zumindest ein Begriff sein, den man nicht abschmettert. Ich möchte das Urteil nicht kommentieren, aber die Meinung der Kollegen, die meinen Zähne hätten mit dem Körper nichts zu tun.