Wie neurodegenerative Erkrankungen den Darm beeinflussenMindestens drei Viertel der Patienten mit einem fortgeschrittenen Morbus Parkinson leiden unter einer Obstipation,¹ und auch Patienten mit anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz sind häufig betroffen.² Doch wie hängen die Störungsbilder zusammen? Hier erfahren Sie die pathophysiologischen Hintergründe und erhalten einen informativen Sonderdruck aus der Fachzeitschrift Neurogeriatrie.

 

Verknüpfte Nervensysteme

Die Prävalenz der chronischen Obstipation steigt mit zunehmendem Lebensalter merklich an. Das hängt mit einer ganzen Reihe von Faktoren zusammen, unter anderem mit dem Verlust der Mobilität und der häufigen Polypharmazie im Alter.3 Darüber hinaus lässt sich ein weiterer Zusammenhang beobachten: So haben speziell Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen ein deutlich höheres Risiko, an einer Stuhlinkontinenz oder einer schweren Obstipation zu erkranken. ⁴ Doch woran liegt das?

Es ist nicht zu vergessen, dass die Darmmotilität ganz wesentlich von einem Geflecht von Nervenzellen abhängt: dem enterischen Nervensystem (ENS). Mit seinen über 100 Millionen Nervenzellen die größte Ansammlung von Neuronen außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS) dar.⁵ Im Wesentlichen lässt es sich einteilen in:

  • der Plexus myentericus (Auerbach-Plexus) zwischen Ring- und Längsmuskelschicht
  • der Plexus submucosus (Meissner-Plexus) in der Submukosa

In diesem intramuralen Geflecht lassen sich 6 morphologisch verschiedene Nervenzelltypen unterscheiden, und auch das Spektrum an Neurotransmittern ähnelt dem im ZNS.⁵ Neben dem gastrointestinalen Gefäßtonus, Sekretion und Absorption reguliert dieses „Bauchhirn“ mit verschiedenen ausgeklügelten Mechanismen die Darmmotilität. Entsprechend können Pathologien des ENS schwere Störungen der peristaltischen Regulation nach sich ziehen, was sich häufig in einer therapierefraktären Obstipation äußert.⁵


Wenn das „Bauchhirn“ degeneriert

Sowohl physiologisch als auch pathologisch scheinen degenerative Prozesse des zentralen Nervensystems (ZNS) auch mit solchen des enteralen Nervensystems (ENS) einherzugehen. Mit zunehmendem Alter zeigen sich bei Säugetieren verschiedene Veränderungen im Verdauungstrakt. Beim Menschen äußern sich diese vor allem in einer Abnahme bestimmter Neuronentypen des Plexus myentericus.⁶ Noch gravierender sind die ENS-Schäden im Zuge von Erkrankungen und Verletzungen des ZNS, wie etwa

  • Rückenmarksverletzungen,
  • Myelomeningocele,
  • Multiple Sklerose,
  • Morbus Parkinson oder
  • Demenzerkrankungen.⁷

Daher ist die Prävalenz der chronischen Obstipation bei diesen Patienten deutlich höher als in der Normalbevölkerung. Im Englischen hat sich für dieses Phänomen der Begriff Neurogenic Bowel Dysfuncion (NBD) etabliert.⁴  Darüber hinaus können auch Stoffwechselerkrankungen wie die diabetische Neuropathie das ENS schädigen und eine Obstipation sowie andere Verdauungsstörungen nach sich ziehen.⁸


Warum Sie Darmsymptome ernst nehmen sollten

Es kann sich also durchaus lohnen, bei neurodegenerativ erkrankten Patienten auch aktiv Probleme bei Verdauung und Stuhlgang zu erfragen, welche die Betroffenen sonst womöglich nicht von selbst ansprechen. Wichtig ist: auch wenn bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen andere Symptome im Vordergrund stehen, sollten Sie eine mögliche Obstipation keinesfalls übersehen oder vergessen, denn diese kann die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.⁹