Ältere Menschen sollten sich gegen die saisonale Influenza schützen – Impfempfehlungen gibt es Jahr für Jahr aufs Neue. Handelsübliche Vakzine wirken bei Senioren jedoch schlecht. Alternativen kommen nun aus der Forschung.

Alle Jahre wieder: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird nicht müde, Risikopatienten über Vorteile einer Grippeschutzimpfung zu informieren. „Noch lohnt sich insbesondere für Schwangere, Senioren, chronisch Erkrankte und medizinisches Personal eine Grippeimpfung“, sagte BZgA-Chefin Dr. Heidrun Thaiss Ende Januar. Etwa 73 Prozent aller Senioren kennen ihre Empfehlung. Trotzdem wird die von der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Europäischen Kommission empfohlene Durchimpfungsrate von 75 Prozent bei Menschen über 60 nicht erreicht. Dem „Versorgungsatlas“ zufolge geht der Trend klar nach unten, von 47 Prozent (2009/2010) auf 38 Prozent (2013/2014). Während sich im Osten 54 Prozent aller Senioren für die Nadel entschieden, waren es im Westen lediglich 33 Prozent. Dabei haben alle Beteiligten einen entscheidenden Aspekt übersehen .

Gespritzt, nicht geschützt

Amerikanische Forscher um Helder Y. Nakaya, Atlanta, fanden heraus, dass der ältere Körper anders auf handelsübliche Vakzine reagiert als zu erwarten war. Für ihre Studie haben sie über fünf Jahre hinweg 210 Probanden verschiedenen Alters geimpft und untersucht, wie der Körper reagiert. Bei jüngeren Menschen beobachteten sie – wie zu erwarten – eine adaptive Immunantwort. Senioren reagierten öfter mit einer ungerichteten Entzündungsreaktion, die von selbst wieder abklang. Neutralisierende Antikörper entstanden jedoch nicht. Biologische Besonderheiten kommen beim Thema Impfung erschwerend mit hinzu. Aufgrund der Antigendrift veränderte sich das Influenza-A-Virus H3N2 so stark, dass Monate zuvor produzierte Impfstoffe nicht mehr richtig wirkten. Wissenschaftler fanden heraus, dass es sich zuletzt um eine Punktmutation im Hämagglutinin-Gen handelte. Sie führen aktuell sechs von zehn Grippeerkrankungen auf H3N2 zurück.

Nach Angaben der US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) betrug die Schutzwirkung zuletzt weniger als 20 Prozent; im Vorjahr waren es noch 60 Prozent. Bei Kindern mag das unkritisch sein. Ihr Immunsystem produziert Antikörper mit einer gewissen Bandbreite, die leicht veränderte Viren erkennen. Professor Dr. Alexander S. Kekulé zufolge „liegt die Effektivität der Impfung bei über 65-Jährigen, deren Immunsystem nur noch wenige Antikörper-Varianten hervorbringt, bei maximal zehn Prozent“. Kekulé lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale).

Impfempfehlungen umgestoßen

Kekulé schreibt weiter: „Der beste Schutz für alte Menschen wäre deshalb eine generelle Impfung für Kinder, wie sie in den USA praktiziert wird.“ Auch die Stiftung Warentest stellt klar: „Die Grippeimpfung aller Kinder ist erwägenswert (…). Viele Impfstoffe sind für Babys ab sechs Monaten zugelassen.“ Sie argumentiert mit hohen Erkrankungsraten, aber auch mit engen sozialen Kontakten beim Nachwuchs. Offizielle Stellen bleiben trotzdem skeptisch.

So empfielt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut Influenza-Impfungen wie gehabt ab dem 60. Lebensjahr. Um bei dieser Zielgruppe die Immunantwort zu verbessern, gibt es aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht mehrere Möglichkeiten, etwa chemische Adjuvantien oder intrakutane Injektionen. Virosomen, sprich künstliche Liposomen, zeigen ähnliche Effekte. Entsprechende Partikel bestehen aus Phospholipiden, in die Antigenstrukturen eingebaut werden – speziell Influenzavirus-A-Hämagglutinin und Neuraminidase. Erste Studien verliefen vielversprechend. Bis zur Marktreife wird aber noch Zeit vergehen.

Plan B mit Macken

Dabei gibt es kaum nenneswerten Alternativen zur Impfung. Auf pharmakologische Hilfe brauchen Senioren nicht zu hoffen, wie neue Veröffentlichungen zeigen. Paracetamol steht als OTC zwar hoch im Kurs. Der Arzneistoff zeigt bei Influenza jedoch keinen Mehrwert, berichtet Irene Braithwaite vom Medical Research Institute aus Wellington/Neuseeland. Zusammen mit Kollegen hat sie Ergebnisse einer randomisierten Doppelblindstudie mit 80 Patienten zwischen 18 und 65 Jahren veröffentlicht. Bei allen Teilnehmern zeigte ein Schnelltest auf Influenza positive Resultate. In 46 Fällen gelang es Ärzten, Influenzaviren per PCR zu bestimmen. Erkrankte erhielten randomisiert insgesamt vier Gramm Paracetamol oder Placebo pro Tag. Paracetamol hatte auf die Viruslast oder die Symptomatik keinen Einfluss – im Verum-Arm war die Viruslast geringfügig, wenn auch statistisch nicht signifikant höher.

Zu Neuraminidase-Hemmern liegen nach jahrelangen Kontroversen methodisch hochwertige Daten vor. Arnold S. Monto von der University of Michigan School of Public Health veröffentlichte jetzt eine Metaanalyse. Oseltamivir verkürzte die Erkrankungsdauer signifikant (97,5 Stunden versus 122,7 Stunden bei Placebo). Gleichzeitig kam es seltener zu Hospitalisierungen beziehungsweise zu Sekundärinfektionen, die eine Antibiotikatherapie erforderlich machten. Patienten litten jedoch häufiger an Übelkeit und Erbrechen. Bleibt als weiterer Nachteil, dass die Pharmakotherapie 36 bis 48 Stunden nach Auftreten erster Grippesymptome erfolgen muss. An Impfstoffen führt deshalb kein Weg vorbei. So lange Behörden in ihren Kampagnen für ältere Menschen schlecht wirksame Vakzine propagieren, wird die Entwicklung innovativer Präparate kaum vorankommen.

Hier zum Download: Grippe-Impfung 21.02.2016