Dr. med. Manfred Doepp

 

Alle diejenigen, die problemloser leben wollen, erfahren, dass es um das Loslassen geht. Und, dass Bindungen und das Anhaften das Leben schwer machen, dass sie vielleicht sogar eine Belastung im Sinne eines Karmas schaffen. Dies ist ein Thema der Gegenwart. Allerdings wissen auch so manche Zeitgenossen, dass dieses Thema nur in der westlichen, sogenannten christlichen Gesellschaft neu ist, während es in den östlichen Kulturen seit fast 3.000 Jahren präsent vorliegt. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass dort seit dem Niedergang des eigenen Erbes und der Übernahme westlicher Vorstellungen das Leistungs- und das Profitprinzip vieles Gutes verdrängt hat.

Ostasien wiederholt die Fehler, die in Europa und Amerika die Situationen produziert haben, unter denen die Erde so unerträglich leidet. Der Kapitalismus benötigt für seine Existenz ständige Zuwachsraten, ein dynamisches Gleichgewicht wie in der Natur bringt ihn zum Absturz. Und wenn in China die Wachstumsrate auf nur 6% absinkt, so entsteht an den Börsen großes Unbehagen. Eine absurde Situation, bewirkt doch ein andauerndes Wachstum eine exponentielle Entwicklung, die mathematisch im Unendlichen, also in einer Katastrophe enden muss. Logik: Fehlanzeige. Die Fixierung auf das Wachstum geht so weit, dass ein Gleichgewicht als Nullwachstum bezeichnet wird.

China hat offenbar einen großen Teil seines spirituellen Erbes vergessen, seien es Daoismus, Buddhismus oder Konfuzianismus. Viele Ergebnisse sind prekär: Eine enorme Umweltverschmutzung, ein Ausbreiten von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Krebs. Die westliche Pharma-Industrie jubelt, so wider jede Ethik gerichtet dies auch sein mag.

Lao Dse (Laotse) scheint dies bereits vor 2.400 Jahren vorhergesehen zu haben, und er empfahl Lösungen für dieses Problem und seine zugrunde liegende Haltung. Man muss leider konstatieren, dass Viele in diesem Zeitraum nichts dazu gelernt haben. Jedoch ist eine Beschäftigung mit dem Dao de King andauernd von Bedeutung, gerade heute, wo nicht mehr nur das Schicksal Einzelner, sondern das der Menschheit tangiert wird.

Entnehmen wir einmal dem originalen Text des Dao de King einige Zitate, die schlagartig erhellen, was heute falsch läuft, und, wie es besser wäre.

«Der Berufene verweilt im Wirken ohne Handeln, er erzeugt und besitzt nicht, er wirkt und behält nicht. Ist das Werk vollbracht, so verharrt er nicht dabei. Weil er nichts Eigenes will, darum wird sein Eigenes vollendet.»

«Höchste Güte ist wie das Wasser. Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit. Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch frei von Tadel.»

«Etwas festhalten wollen und es dabei überfüllen: das lohnt der Mühe nicht. Mit Gold und Edelsteinen gefüllten Saal kann niemand beschützen. Reich und vornehm und dazu hochmütig sein: das zieht von selbst das Unglück herbei.» 

«Wer seine Seele einfältig macht und demütig, der mag wohl werden wie ein Kindlein. Erzeugen und nicht besitzen: wirken und nicht behalten, mehren und nicht beherrschen: Das ist geheimes Leben.»

«Aus dem Nichts im Rad beruht des Wagens Brauchbarkeit. Aus dem Nichts im Gefäß beruht seine Brauchbarkeit. Aus dem Nichts im Haus beruht seine Brauchbarkeit. Darum: Das Sein gibt Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit.»

«Die Welt erobern wollen durch das Handeln; ich habe erlebt, dass das misslingt. Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf. Wer handelt, verdirbt sie. Wer festhält, verliert sie.»

«Wo man nehmen will, muss man erst richtig geben. Das Weiche siegt über das Harte. Das Schwache siegt über das Starke.»

«Das hohe Leben sucht nicht sein Leben, also hat es Leben. Das niedere Leben sucht sein Leben nicht zu verlieren, also hat es kein Leben. Das hohe Leben ist ohne Handeln und ohne Absicht. Das niedere Leben handelt und hat Absichten.»

«Keine größere Schuld gibt es als Billigung der Begierden. Kein größeres Übel gibt es als sich nicht lassen genügen. Kein schlimmeres Unheil gibt es als die Sucht nach Gewinn.»

«Wer im Forschen wandelt, nimmt täglich zu. Wer im Sinne wandelt, nimmt täglich ab. Er verringert sein Tun und verringert es immer mehr, bis er anlangt beim Nicht-Tun. Beim Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.»

«Zu den Guten bin ich gut, und zu den Nichtguten bin ich auch gut; denn das Leben ist die Güte.»

«Der Sinn erzeugt. Das Leben nährt. Das Wesen gestaltet. Die Kraft vollendet. Erzeugen und nicht besitzen, wirken und nicht behalten, mehren und nicht beherrschen: Das ist geheimes Leben.»

«Ist man beim Herrschen zurückhaltend und zögernd, so ist das Volk ehrlich und einfach. Will man beim Herrschen alles untersuchen und aufspüren, so zeigt das Volk nur Mängel und Fehler.»

«Bei der Leitung der Menschen, beim Dienste des Himmels gibt es nicht Besseres als die Beschränkung. Denn nur die Beschränkung führt zu zeitigem Nachgeben. Dadurch sammelt man reiche Schätze des Lebens.» 

«Ein großes Reich muss sich unten halten, so wird es der Vereinigungspunkt der Welt. Es ist das Weibliche der Welt. Das Weibliche siegt durch seine Stille über das Männliche.»

«Wer bittet, der empfängt. Wer Sünden hat, dem werden sie vergeben.»

«Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Wer handelt, verdirbt es. Wer festhält, verliert es. Die Leute gehen an ihre Sachen: Und immer, wenn sie fast fertig sind, so verderben sie es.»

«Ich habe drei Schätze: die Liebe, die Genügsamkeit und die Demut. Die Liebe macht, dass man mutig sein kann, die Genügsamkeit macht, dass man weitherzig sein kann, die Demut macht, dass man fähig wird zu herrschen. Denn die Liebe siegt im Kampfe, ist fest in der Verteidigung. Wer tüchtig ist, den Feind zu besiegen, der streitet nicht mit ihm.» 

«Wissen, dass man nichts weiß, ist das Höchste. Nichtwissen für Wissen achten, ist Leiden. Nur wer an seinem Leiden leidet, wird frei von Leiden.»

«Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln. Wahre Worte sind wie umgekehrt.»

«Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr. Tüchtigkeit überredet nicht, Überredung ist nicht tüchtig. Der Weise ist nicht gelehrt, der Gelehrte nicht weise. Der Berufene häuft keinen Besitz auf. Je mehr er für andere tut, desto mehr besitzt er. Je mehr er den anderen gibt, desto mehr hat er.» 

 

Die Ähnlichkeiten zur Bergpredigt des Jesus Christus sind frappant. In beiden Fällen widerspricht der Inhalt der üblichen, der «normalen» Logik, in beiden Fällen erscheinen die Aussagen paradox. Dies auf jeden Fall für die Welt, in der wir bisher lebten, und die vom Dualismus geprägt war und leider noch ist. Dualismus beinhaltet immer das «Gegen», den Kampf, das Besiegen, den Gewinn, das Sich-Durchsetzen-wollen, und sei es mit Gewalt.

Völlig anders die Welt des Lao Dse und des Christus: Die harten männlichen Eigenschaften unserer Welt sind allesamt falsch, die weichen weiblichen Eigenschaften sind die richtigen. Das Fische-Zeitalter der Macho-Herrschaft, die versagt und die Welt um ein Haar in den Untergang getrieben hat, ist Vergangenheit, das Matriarchat des Wassermann-Zeitalters wird es ersetzen. An die Stelle des Dualismus tritt die Polarität, das Miteinander der scheinbaren Gegensätze, die Paradoxie der Werte. Was in der materiellen Realität der Illusionen viel gilt, gilt in der spirituellen, der wahren Welt wenig, und umgekehrt.

Wenn aber zwei aus sehr unterschiedlichen Kulturen stammende Wertesysteme so sehr übereinstimmen, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Inhalte korrekt sind, dass sie die kosmischen Gesetz­mäßigkeiten wider geben? Hier hat die links-hirnige Logik einmal ihren Platz: Es ist eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit. Da aber nach den kosmischen Gesetzen wiederum Kulturen und Zivilisationen, die auf solchen tönernen Füßen standen, untergingen, ist dies auch für das sogenannte «christliche Abendland» inklusive seiner weltweiten Ableger zu erwarten.

Oswald Spengler mit seinem «Untergang des Abendlandes» war seiner Zeit voraus. Jedoch holt sie ihn ein. Wie dies auch für George Orwells «1984» gilt, dessen Inhalte mit knallharter Konsequenz umgesetzt werden. Und es ist kein Gegenstand von Diskussionen, dass «Das Kapital» von Karl Marx sich in unserer Gegenwart in phänomenaler Weise in die Realität umsetzt. Es wäre wohl ein weiterer Luther notwendig und zu erhoffen, am besten eine Frau.

 

 

 

Zitate aus:

Laotse – Tao te King. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. Übertragen von Richard Wilhelm. Atmosphären-Verlag, München, 2004.

 

 

 

Mai 2014

Hier als PDF Datei zum Download: Dao Heute – Manfred Doepp – Mai14 PDF