Ein Essay von Dr. med. Markus Kern und Dr. phil. Peter Ludwig

März 2014, Deutscher Naturheilbund eV

Handys, DECT-Telefone, Tablets, W-LAN, Sendemasten & Co.: Wir wollen den Fortschritt und wollen auch weiterhin die Vorzüge modernster Kommunikationstechnologien nutzen. Wer möchte wirklich darauf verzichten? Wenn wir zu diesem Thema das Wort ergreifen, so deshalb, weil der Fortschritt des Mobil- und Kommunikationsfunks die gesamte Gesellschaft, also uns alle, angeht, ob wir nun einfache User, Laien oder Experten auf bestimmten Gebieten sind. Alle sollten da mitreden können. Sollte man meinen. Denn Kritiker, woher sie auch kommen, gelten sehr schnell als reif für die Klapsmühle, mindestens als lästige Spaßbremsen.

Da gibt es seit Jahren zahllose Bürgerproteste gegen Mastenwälder auf dem Dach und in der Nachbarschaft. Da gibt es seit Jahren zahlreiche internationale Warnungen. Und nun reiht aktuell auch einer der bedeutendsten Rückversicherer weltweit, Swiss Re, die potentielle Gefährdung durch technisch erzeugte elektromagnetische Felder in die höchste Risikostufe ein. – Na sowas, sind denn jetzt alle verrückt geworden?

So oder so ähnlich mag die herrschende Mobilfunkpolitik derzeit die Stirn runzeln im viel gerühmten Land der Dichter und Denker, Erfinder und Ingenieure, im Land der Ideen und dergleichen mehr. Aber wer ist denn die „Mobilfunkpolitik“?, mag man vielleicht fragen. Schwer zu sagen. Es ist ein schwierig zu durchschauendes Interessenkartell von Vertreterschaften in Wirtschaft, Forschung und Politik, das den Erhalt und Ausbau bisheriger Funktechnologien sichert. Diese generelle Bezeichnung mag uns an dieser Stelle genügen. Für uns jedenfalls ergibt sich in den letzten Jahren das Bild, dass hierzulande die grenzenlosen Funk-Möglichkeiten in aller Munde und an allen Ohren euphorisch gefeiert werden, doch wo Risiken liegen, wo Vorsorge wichtig ist, noch viel zu wenig diskutiert wird. Welche Motive gibt es für die- se allseitige Beschwippstheit? Wir sehen mindestens drei größere Komplexe, über die man sprechen sollte.

Eingebildete Kranke?

Unsere Hochleistungsgesellschaft hat mit Stress zu leben. Die verschiedensten Stressreports der letzten Jahre berichten von einem steten Anstieg schwierigster Krankheitssymptome und Multisystemerkrankungen. Nun wird heutzutage niemand mehr auf die Idee kommen, monokausale Erklärungen dafür feilzubieten. Etwa so: „Du arbeitest 12 Stunden am Tag, deshalb stürzt du sicher ins Burn-out.“ Oder: „Du telefonierst ewig mit dem Handy und sitzt weitere Zeit am Tablet und unter W-LAN, deshalb kriegst du sicher Krebs.“ Solche Kurzschlüsse sind natürlich abwegig. Das oft hochkomplexe Wechselwirken möglicher umweltbedingter und individueller Krankheitsfaktoren ist so leicht nicht zu entschlüsseln.

Handys, DECT-Telefone, Tablets, W-LAN, Sendemasten & Co.

Bild: ©Franke182-Fotolia.com

Doch Fakt ist die in den letzten 15 Jahren rasant gestiegene Zunahme kabelloser Funktechnologie und dadurch verursachter Strahlung. Und Fakt ist auch das Credo der herrschenden Mobilfunkpolitik, damit einhergehende Auswirkungen von feststellbarer Strahlenbelastung und Elektrosensibilität nicht sehen zu wollen oder zu können. Diese werden entweder als vernachlässigenswerte Randerscheinung nicht zur Kenntnis genommen, oder aber, sehr bedauerlich, es werden Betroffene und deren so genannte ‚subjektiven‘ Wahrnehmungen als hypersensible Fälle der psychiatrischen Behandlung empfohlen. Es gibt immer mehr Menschen, die unter Strahlenbelastung leiden. Eingebildete Kranke? Jagen die Forscher, die diesem Phänomen auf der Spur bleiben, einem Hirngespinst nach? Sind die Ärzte, die nach geeigneten Therapien suchen, genauso Verrückte? Was soll dieses Getue?

Manchmal liegen die Dinge diffizil, manchmal aber auch einfach. Die Gründe für mobilfunkpolitische Arroganz sind simpel. Es ist die Macht der Märkte und der unbedingte Wille, eigene Deutungshoheit darüber zu wahren. Der vielfach süßliche Schwall von Verharmlosung und Ausgrenzung will uns ‚normale‘ Konsumenten als still gestellte Schnullerkinder, damit den florierenden Geräte-Absatz sichern und günstigenfalls den Massenvertrieb weiter steigern. Er will aber auch neuere Forschung entkräften oder mundtot halten, die auf mögliche Schädigungen der Gesundheit und der Umwelt durch die gestiegene Strahlenwirkung aufmerksam macht.

Denn es mehren und verdichten sich die wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass gepulste Mikrowellen kabelloser Funktechnologien unsere natürliche Lebenssteuerung und Regelkreise empfindlich beeinträchtigen, auch tiefgreifend mikrobiologische Kommunikationsvorgänge der Zellen stören und zu anhaltendem Zellstress führen können, auf die wir gegebenenfalls mit Erkrankungen reagieren. Erste Langzeitstudien bestätigen signifikant erhöhte Krebs- und Hirntumorrisiken. Es geht bei solchen jüngeren Untersuchungen nicht um die längst überholte Doktrin vermeintlicher wissenschaftlicher ‚Sicherheit‘ oder ‚Objektivität’ von Erkenntnis – wissenschaftstheoretisch ein Uralt-Phantom, das die herrschende Mobilfunkpolitik immer wieder beschwört. Es geht schlicht um heute zeitgemäße Fragen wissenschaftlicher Plausibilität, um Kriterien der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, schließlich um Prinzipien sorgfältiger Risiko- und Technikfolgenabschätzung – alles wissenschaftliche Errungenschaften, die uns bittere Erfahrungen neuzeitlicher und moderner Technikgeschichte gelehrt haben.

Blindheit für internationale Perspektiven

Die internationale Diskussion ist in dieser Hinsicht viel weiter. Bekannt sind die beiden Reports der „BioInitiative Working Group“ 2007 und 2012, die in der Auswertung von über 2000 Studien mannigfaltige Schädigungen und Gefährdungen durch Funkbelastung dokumentieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte im Mai 2011 Handystrahlung aufgrund des Anstieges des Hirntumorrisikos bei mehrjähriger intensiver Handynutzung als möglicherweise krebserregend ein. Die Europäische Umweltagentur mahnte bereits 2009 dringende Vorsorge-Maßnahmen an. Dafür setzte sich im gleichen Jahr auch das Europaparlament ein. Zahlreiche Appelle und Resolutionen hielten besondere Maßnahmen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen für angebracht, so im Herbst 2011 erneut die Europäische Umweltagentur. 2011 forderte der Europarat in einem einstimmigen Beschluss das Ende einer Funk-Politik, die in ihrer gegenwärtigen Form nicht als zukunftsfähig angesehen wird.

Doch Deutschland hinkt im Strahlenschutz weiter hinterher. Ein ganz zentrales Problem bilden die geltenden Grenzwerte. Laut offizieller Mobilfunkpolitik bieten sie uns verlässlichen Schutz. Nach dem Stand internationaler Erkenntnis sind sie schutzuntauglich und liegen millionenfach über den Vorsorgewerten. Informierte wissen, was in der Grenzwertfrage alles verschwiegen wird. Die nicht-thermischen Wirkungen der Strahlung weit unterhalb geltender Grenzwerte wurden bei der Festlegung der Werte ebenso wenig berücksichtigt wie die Dauer der Wirkung. Die Grundlagen der Grenzwertbildung sind auch sonst schon über ein halbes Jahrhundert alt.

Die auf diese Weise gerechtfertigten hohen Werte wurden und werden unentwegt fortgeschrieben. Veraltete Exaktheitsvorstellungen, die in dieser Form nicht einmal mehr die moderne Physik aufrecht erhält, nivellieren den Unterschied zwischen toter Materie und lebendiger Organisation und ignorieren ein halbes Jahrhundert Fortschritte in maßgeblichen lebenswissenschaftlichen Disziplinen. Die bei uns geltenden Grenzwerte für elektromagnetische Felder gehen auf Richtlinien zurück, die weder wissenschaftlich noch demokratisch haltbar sind. Schon 1999 wurden diese Richtlinien von internationaler Seite massiv kritisiert.

Kurzsichtige Forschungspolitik

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass unabhängiger Forschung hierzulande keine Bedeutung und keine Finanzmittel zugemessen werden. Sie muss noch ein marginales Dasein fristen. Auch entscheidende Erkenntnisse der internationalen Forschung haben die deutsche Mobilfunkpolitik noch nicht erreicht. Dazu gehört z. B., welche bedeutsame Rolle die Frequenz-Zusammensetzung der Mobilfunksignale (Modulation) für die schädigende Wirkung spielt; welche Gefahren von den breitbandigen Immissionen (LTE, DVB-T, DAB+) und von Frequenzen ausgehen, die im Hirnwellenbereich liegen (TETRA); dass es ‚biologische Fenster’ hoher Mikrowellen-Empfindlichkeit bereits bei niedrigsten Immissionen gibt.

Während sich in der internationalen Forschung die Einsicht durchsetzt, dass sich eine verantwortliche Funk-Politik nur noch in enger Koppelung mit dem Prinzip der technisch niedrigst möglichen Strahlungswerte (ALARA-Prinzip) überhaupt rechtfertigen lässt, beharrt die deutsche Mobilfunkpolitik auf ihrer jahrzehntealten Funk-Dogmatik und ihrem Allversorgungswillen. Wo immer möglich, soll Funk eingesetzt werden (dürfen), selbst bei stationären Verbindungen, z.B. der bundesweiten Vernetzung der Energieversorgung (Smart Grid mit Smart Metern; „Smart Home“); das alles möglichst so sehr, dass die Energie demnächst sogar ausreicht, die Akkus der Handys aus der Luft aufzuladen. Es findet eine regelrechte Flutung der Umwelt statt, die eine so tiefgreifende Veränderung des elektrischen Haus- halts der Natur darstellt, dass sie als Veränderung unserer Lebensgrundlagen mit unabsehbaren Auswirkungen auch künftige Generationen massiv belastet.

So verwundert es schließlich nicht, dass hierzulande auch die Erforschung von Alternativtechnologien brach liegt. Selbst Vertreter der Mobilfunkindustrie werfen gelegentlich die Frage auf, ob die Luft ein geeignetes Medium ist, unseren gesellschaftlichen Bedarf in dem notwendigen Umfang per Funk zu befriedigen. Wer über das Heute hinausdenkt, hat längst die Glasfaser-Technik mit ihren bislang unerreichten Leistungsmerkmalen, aber auch die Erkundung schonenderer Techniken schnurloser Kommunikation als unverzichtbare Entwicklungen der Zukunft erkannt. Während Industrienationen wie Schweden und Südkorea bereits eine 70–100%ige Versorgung an Glasfaseranschlüssen anpeilen, freut sich die deutsche Öffentlichkeit vor nicht allzu langer Zeit noch über ein nationales Ausbauziel von 1%. Ist das alles, was wir zu bieten haben? Dem Land der Ideen geht wirklich die Kreativität für Alternativen aus? Es braucht in unserem Land wohl unglaublich viel Mut und Phantasie, Forschergeist und Ausdauer, technologische Projekte schnurloser Vermittlung für die Massenkommunikation zu entwickeln, die zukunftsfähig sind. Was braucht es noch?

Zu den Autoren:

Dr. med. Markus Kern (Kempten) ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Leitung des Ärztlichen Qualitäts-Zirkels Elektromagnetische Felder in der Medizin – Diagnostik, Therapie und Umwelt; Im Vorstand der Kompetenzinitiative e.V.

Dr. phil. Peter Ludwig (Dudweiler) ist Literaturwissenschaftler mit Forschungen zur Literatur- und Wissenschaftsgeschichte der Moderne; interdisziplinäre Arbeiten in Grenzbereichen von Naturwissenschaft, Technik und Kulturwissenschaft; u.a. Mitwirkung an Standardwerken zu Goethe.

* * * * *

Aus der DNB-Ratgeberreihe „Naturheilkunde schützt und heilt“ empfehlen wir Ihnen Band 6:

„Umwelt bewusst erleben“ – die Heikraft der Natur.

64 Seiten A5, broschiert, 5,- €. Zu beziehen bei Ihrem Naturheilverein oder beim Herausgeber Deutscher Naturheilbund eV.

Zur Thematik dieses Ratgebers:
Welche Umwelteinflüsse greifen unsere Gesundheit an? Schadstoffe in der Luft, in der Nahrung, Chemikalien, künstliche Strahlung oder Lärm belasten unsere Organe und die Lebensqualität.
Dazu werden Ursachen und Auswirkungen aufgezeigt, aber auch Möglichkeiten sich zu schützen oder bei Erkrankungen die geeigneten Therapien zu finden.

Wir wünschen Ihnen ein aktives Leben in Gesundheit! Werden Sie Mitglied im Deutschen Naturheilbund eV oder in einem seiner angeschlossenen Vereine. Bei uns lernen Sie wirksame Therapien, erfahrene Therapeuten und geeignete Naturheilmittel kennen.

Weitere Informationen erhalten Sie unter:

Deutscher Naturheilbund eV Bundesgeschäftsstelle
Christophallee 21
75177 Pforzheim

Telefon 07231 / 4629 282 Telefax 07231 / 4629 284 E-Mail: info@naturheilbund.de www.naturheilbund.de

Der Natur und dem Leben vertrauen!